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In der Grundschule habe ich Blockflöte gespielt. Nun erfahre ich, dass ich mit Blasen und Abdecken der Löcher einem großen imperialistischen Szenario in die Hände gespielt habe. Dieses Szenario enthüllte letzte Woche Bilal Erdoğan, der Sohn des Staatspräsidenten. Bei der Einweihung des Instituts für Bogensportstudien erklärte er: "Jene, die Istanbul nicht besetzen und halten konnten, nahmen das Volk mit Musik, Speisen, Kleidern und Lebensstil gefangen." Beispielhaft führte er an, dass in den Gründerjahren der Republik in den Schulen in Musik Blockflöte und in Sport Rhythmusgymnastik unterrichtet wurden. Er lobte jene, die ihren Kindern Bogenschießen beibringen: "Sie erschaffen das gelöschte (nationale) Gedächtnis neu."

Diese Worte sprach er in Anzug und Krawatte. Nicht zu vergessen, Bilal Erdoğan, der hier dem "Kulturimperialismus des Westens" den Kampf ansagte, studierte in den USA in Harvard und war bei der Weltbank tätig, der damalige italienische Premier Berlusconi war sein Trauzeuge, und in Bologna wurden Ermittlungen wegen Geldwäsche gegen ihn eingeleitet.

Solche Heuchelei sehen wir auf allen Ebenen der Regierung. Das jüngste Beispiel dafür ist Premier Binali Yıldırım. Seine mittellosen Anhänger hatte Erdoğan noch aufgefordert, ihre Dollars einzutauschen und sich "heimisch und national" zu verhalten. Die Namen der Söhne des Premierministers Yıldırım indessen finden sich in den Paradise Papers, dem am Wochenende öffentlich gemachten Datenleak. In den 13,4 Millionen Dokumenten gibt es Informationen über fünf Reedereien auf Malta, die Erkam und Bülent Yıldırım gehören. Erkam Yıldırım war zuvor bereits am Spieltisch im Casino eines Luxushotels in Singapur abgelichtet worden. Und wir sollten auch verraten, dass ein Geschäftspartner der Yıldırım-Söhne Zuschläge bei Ausschreibungen des Verkehrsministeriums bekam, das Binali Yıldırım früher leitete.

Wer Muslimen das Paradies im Jenseits verspricht, hat sich schon Plätze im diesseitigen Steuerparadies reserviert. Das interessiert die Anhänger kaum, noch protestieren sie nicht. Ob das wohl daran liegt, dass ihr Augenmerk auf Themen wie Blockflöte, Rhythmusgymnastik und nationalen Bogensport gelenkt wurde?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe