In seinem Buch Don Juan (erzählt von ihm selbst) beschreibt Peter Handke, wie ein einfacher Blickkontakt eine übermächtige Beziehung zwischen zwei Menschen herstellen kann, der sich beide fügen. Keiner verführt den anderen, vielmehr sind beide einem Gesetz, wenn nicht Gebot unterworfen. Niemand – auch Don Juan nicht – hat "Macht" über den anderen, genauso wenig, wie sich einer dem anderen unterwerfen würde. Es ist etwas Mächtiges zwischen ihnen, etwas, das auf beide gleichermaßen wirkt. Diese erotische Energie wurde in den verschiedensten Kulturen zivilisiert, verfeinert, als Kunst sublimiert. In jeder Epoche gab und gibt es jedoch Menschen, die sich mit Macht und Gewalt holen, was sie wollen, die Erotik zu Pornografie und Missbrauch degradieren. Auch, aber nicht nur im Showgeschäft unserer Tage.

Natürlich verfüge auch ich als Regisseur über diese "Macht". Sie auszuspielen war ich zum Beispiel verleitet bei meiner ersten Begegnung mit Margarethe von Trotta. Es ging um die Besetzung der Rolle der Sophie in meiner 1969 entstandenen Baal-Verfilmung mit Rainer Werner Fassbinder. Es geschah nicht auf der sogenannten Besetzungscouch, sondern während eines Telefonats. Sie wollte auf der Stelle eine feste Zusage. Ich gab sie ihr, entgegen jedem Usus, vielleicht weil ich schon spürte, dass ich mehr wollte von ihr, die ich persönlich noch nicht kannte. Was ich nicht wusste, war, dass sie zwei Jahre zuvor schon einmal bei mir in der Wohnung gewesen war. Sie hatte sich als Radioreporterin ausgegeben und behauptet, ein Interview über meinen Film Mord und Totschlag mit mir führen zu wollen. Tatsächlich wollte sie mich kennenlernen. Das tat sie dann auch, allerdings auf unangenehme Art, denn ich schmiss sie raus, als ich merkte, dass sie ihr Aufnahmegerät nicht richtig bedienen konnte. Verständlich, dass sie meinem Angebot im ersten Moment skeptisch begegnete. Aber dann drehte sie die Machtverhältnisse um und ging aufs Ganze.

Jede Schauspielerin weiß, dass die Arbeit mit einem Regisseur immer auch eine Geschlechterbeziehung ist, in der ein Abhängigkeitsverhältnis droht. Durch seine Funktion ist er nun einmal der Machtvollere. Es kann aber auch ein Handel entstehen. Madonna bot mir nichts eindeutig Verfängliches an, aber immerhin doch, meine Wohnung ein Jahr lang zu putzen, "on my knees", für eine Rolle in meinem Film Die Geschichte der Dienerin – The Handmaid’s Tale (1990) nach Margaret Atwood. Ich blieb standhaft und besetzte die Rolle mit Natasha Richardson.

Bis auf das eine Mal mit Margarethe von Trotta, die zwanzig Jahre lang meine Frau war und danach meine beste Freundin wurde, habe ich nie wieder etwas mit einer Schauspielerin "gehabt", und viele befreundete Regisseure, inklusive Billy Wilder, hielten es ebenso: Solche Liebschaften sind zu "gefährlich".

Hingegen sind es nicht selten Kameramänner, die Affären mit Schauspielerinnen haben. Verständlich, wenn man Peter Handkes Ausführungen über die Macht des Blickes ernst nimmt. Niemand schaut die Darstellerin so intensiv an wie der Mann hinter dem schwarzen Kasten mit dem großen Glasauge. Er ist der Herr des Lichts, in dem sie erscheint. Hinter dem Rücken des Regisseurs gehen die beiden einen Pakt ein, der manchmal im Bett enden kann.

Zu der enthemmend wirkenden Eigenart des Filmberufs gehört übrigens auch, dass oft weit weg von zu Hause, an exotischen oder zumindest fremden Schauplätzen gedreht wird, wo man gemeinsam, oft in anonymen Hotels untergebracht, an einem Abenteuer teilnimmt. François Truffaut beschreibt diese latent erotische Stimmung am Drehort in seinem Film Die amerikanische Nacht, in dem sich alle Konflikte, Anziehungen und Abstoßungen zu einer großen Leidenschaft für den entstehenden Film verbinden.

John Malkovich hat mir in Bezug auf den Film Gefährliche Liebschaften mal gesagt: "Den ganzen Tag musst du Liebesszenen spielen mit Michelle Pfeiffer, einer der schönsten Frauen der Welt, abends bringt man uns ins schönste Hotel von Paris, und da soll nichts passieren?!" Malkovichs Ehe wurde durch diese Affäre ebenso zerstört wie sein seelisches Gleichgewicht und das von Michelle Pfeiffer.