Jeder weiß, wie gefährlich es ist, aber die meisten tun es trotzdem. Piept das Smartphone, kann kaum jemand dem Reflex widerstehen, sofort nachzuschauen, was für eine Nachricht da angekommen ist, auch nicht am Steuer. Und das hat Folgen: Mindestens 300 Deutsche sterben jährlich, weil ein Autofahrer nicht die Finger (und vor allem die Augen) vom Handy lassen konnte. Das sind mehr als jene rund 250 Todesopfer, welche auf Alkohol am Steuer zurückzuführen sind. Das Smartphone, sagen Experten deshalb, ist in den zehn Jahren seiner Existenz zum Unfallrisiko Nummer eins geworden.

Dabei kennt die offizielle Verkehrsstatistik die Unfallursache "Smartphone" noch gar nicht. Und in Deutschland wird nicht einmal, wie zum Beispiel in Österreich, die Ablenkung des Fahrers als Ursache erfasst. Deshalb muss man die Zahl schätzen. Sie aus Indizien am Unfallort zu ermitteln ist schwer. Ein Hinweis könne zum Beispiel sein, dass ein Auto ohne Not auf einer trockenen, freien Landstraße in den Gegenverkehr gesteuert sei, sagt Sven Rademacher, der Sprecher des Deutschen Verkehrsrats. "Und wenn man dann auf dem Fahrzeugboden das Handy mit der angefangenen Textnachricht findet, dann kann man natürlich schon eins und eins zusammenzählen."

Wer überlebt, der steckt das Gerät schnell in die Tasche, schon um Ärger mit der Versicherung zu vermeiden. Und weil die Handynutzung am Steuer nur eine Ordnungswidrigkeit darstellt, dürfen Polizisten und Staatsanwälte in den meisten Fällen noch nicht einmal in den Handydaten oder beim Netzbetreiber danach forschen, ob das Telefon zum Zeitpunkt des Unfalls gerade benutzt wurde.

Die Gefährdung im Straßenverkehr kann also nur indirekt ermittelt werden.

In den vergangenen Monaten haben mehrere Wissenschaftler und Organisationen versucht, Indizien zusammenzutragen, um das Ausmaß des Phänomens "Unfall durch Smartphone" abzuschätzen. Sie kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass inzwischen mindestens bei jedem zehnten Unfall das Mobiltelefon im Spiel war. Ihre Beweiskette ist ziemlich überzeugend.

Schon zu den Zeiten des alten Telefons haben wir uns von dem Apparat bevormunden lassen und jedes "echte" Gespräch abrupt unterbrochen, sobald es klingelte. Das wurde schlimmer, seit jeder ein Mobiltelefon in der Hosentasche herumträgt. Als die Gefahr des Handys für den Straßenverkehr erkannt wurde, verbot der Gesetzgeber das Telefonieren im Auto ohne Freisprecheinrichtung – mit mäßigem Erfolg, wie man täglich beobachten kann.

Aber heute klingelt es nicht mehr nur, wenn ein Gespräch ankommt. Es piept, wenn eine Nachricht eintrifft, wenn irgendwo ein Popstar gestorben ist oder der Heizungsthermostat die aktuelle Temperatur durchgibt. Viele Apps bitten um Erlaubnis, Nachrichten auf den Sperrbildschirm zu schicken, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Und kaum jemand schafft es, diese banalen Störungen zu ignorieren. In einer Forsa-Umfrage gaben im Mai dieses Jahres 55 Prozent der Autofahrer an, das Smartphone zumindest ab und zu im Auto zu benutzen. Unter den 18- bis 29-Jährigen waren es sogar 85 Prozent.

Der Verkehrspsychologe Mark Vollrath von der Technischen Universität Braunschweig hat mit seinen Studierenden über 10.000 Autofahrer in Braunschweig, Hannover und Berlin beobachtet. Fünf Prozent der Fahrer waren laut Vollraths Studie damit beschäftigt, an ihrem Smartphone herumzufummeln oder darauf zu tippen. "Wenn man davon ausgeht, dass sich die Unfallgefahr beim Tippen um das Fünffache erhöht, dann kommt man sogar auf 20 bis 30 Prozent der Unfälle", sagt der Forscher. Bei insgesamt rund 3200 Verkehrstoten würde das bedeuten, dass Smartphones am Steuer bis zu 1000 Opfer jährlich fordern könnten.

Die Geräte sind die wahrscheinliche Ursache für eine Trendumkehr, die in fast allen entwickelten Ländern zu beobachten ist: In den letzten Jahrzehnten war die Zahl der Verkehrsopfer stetig zurückgegangen, in Deutschland hatte sie sich seit der Jahrtausendwende glatt halbiert. Aber in den letzten Jahren, seit sich das Smartphone massenhaft verbreitet hat, zeigt die Kurve insgesamt wieder nach oben (auch wenn es im Jahr 2016 ein paar Tote weniger gegeben hat als 2015). Und der Verkehrspsychologe Mark Vollrath rechnet damit, dass die Zahl der Handyopfer in den nächsten Jahren noch steigen wird.

Das liegt daran, dass es keine Vorgehensweise gibt, von der man wirklich eine schnelle Umkehr des Trends erwarten kann. Im Prinzip stehen drei Ansätze zur Verfügung: Aufklärung der Autofahrer, schärfere Gesetze und technische Maßnahmen.