Frage: Herr Bedford-Strohm, im Reformationsgottesdienst predigten Sie: "Hört auf, in die Krise verliebt zu sein!" Gibt es keine Krise?

Heinrich Bedford-Strohm: Natürlich gibt es große Herausforderungen. Darauf weisen wir seit Jahrzehnten hin. Und natürlich gibt es einen Traditionsabbruch, insbesondere bei jungen Leuten. Das hat schon die letzte Kirchenmitgliedschaftsstudie gezeigt. Ich habe selber in meinen Vorträgen darauf immer wieder Bezug genommen und auch konkrete Konsequenzen in den Blick genommen, etwa die Stärkung des Religionsunterrichts. Die Probleme sind nun wirklich ausreichend beschrieben. Interessanter ist: Welche Lösungen gibt es? Es fehlt an kreativen und zugkräftigen Konzepten, die die Probleme nicht nur beschreiben, sondern lösen.

Frage: Inwiefern war das Reformationsjubiläum Teil der Lösung?

Bedford-Strohm: Es war ein großer Beitrag hierzu. Ein Beispiel: Wir stellen fest, dass wir die Taufe nicht genügend ins Zentrum gestellt haben. Darauf war der Erlebnisraum Taufe der Hannoverschen Landeskirche in Wittenberg eine Antwort. Dieser Ort hat viele Menschen tief berührt, mich eingeschlossen. Es gab in diesem Jahr ein ganzes Füllhorn solcher Experimente und Versuche. Nur die Beschwörung der Krise reicht nicht aus. Man kann vieles kritisieren – oder man kann handeln.

Frage: Findet die Krise zu viel Beachtung?

Bedford-Strohm: Eindeutig! Was wir brauchen, ist Inspiration. Vor uns steht eine zutiefst geistliche Aufgabe: Wir müssen nach vorne schauen trotz der schwierigen Situation, aus der Zuversicht leben, aus der Fülle, nicht aus der Knappheit.

Frage: Was lässt Sie so zuversichtlich sein?

Bedford-Strohm: Der Gottesdienst am Reformationstag in Wittenberg war kraftvoll, aber wirklich sensationell sind die Berichte aus dem ganzen Land: Überall volle Gottesdienste! Das Thema Reformation ist angekommen, ganz offensichtlich auch bei vielen, die vorher nicht in die Kirche gegangen sind. Das ermutigt mich. Es lohnt sich, wenn wir uns konstruktiv und positiv engagieren.

Frage: Würden Sie sich einen Reformationsfeiertag für jedes Jahr wünschen?

Bedford-Strohm: Ich bin erst mal sehr dankbar, dass es in wirklich eindrucksvoller Geschlossenheit gelungen ist, diesen einmaligen Feiertag zu ermöglichen. Dass es jetzt aus der Politik Stimmen gibt, die diesen Feiertag verstetigen wollen, darüber bin ich natürlich nicht unglücklich.

Frage: Durch die geringen Besucherzahlen bei der Weltausstellung ist bei aller Zuversicht ja dennoch eine finanzielle Lücke entstanden. Darüber wird die EKD-Synode am Wochenende in Bonn diskutieren. Wie groß ist das Defizit?

Bedford-Strohm: Noch kann ich keine abschließende Zahl nennen. Doch wir wussten, dass der Zuschuss der EKD je nach verkauften Tickets variieren wird, und haben gespart. Insofern sind wir auf diese Lücke eingestellt.

Frage: Wird das Geld nicht an anderer Stelle fehlen?

Bedford-Strohm: So groß wird das Defizit nicht sein. Die EKD wird es tragen.

Frage: Also hilft die Ermutigung des Reformationsjubiläums auch über finanzielle Lücken hinweg?

Bedford-Strohm: Die drängenden Fragen sind nicht finanzieller Art. Jetzt geht es um Konzepte für die Zukunft und vor allem um unsere geistliche Grundstimmung. Schauen wir immer nur verdrossen auf die Defizite oder sehen wir auch die ungeheure Kraft, die die Kirche noch immer entfaltet? Es gibt so viele engagierte Menschen, die sich mit viel Liebe für ihre Kirche einsetzen. Die Zahl von rund 22 Millionen Mitgliedern deutet auch nicht gerade darauf hin, dass sie demnächst ausstirbt. Dennoch stehen uns große Herausforderungen bevor. Wer jetzt Mitglied der Kirche ist, ist es bewusst, umso mehr aber müssen wir tun, dass auch junge Leute in der Kirche eine Heimat sehen.

Frage: Wie wollen Sie die nächste Generation gewinnen, wenn nicht durch Reformen?

Bedford-Strohm: Wir Verantwortungsträger müssen dafür sorgen, dass junge Menschen die Kirche der Zukunft mitgestalten können. Die grundlegenden Zukunftsfragen sind keine Frage des Budgets. Die meisten Kirchen auf dieser Welt sind mit weitaus weniger Geld kraftvoll und ausstrahlungsstark. Wir sollten uns nicht einbilden, die eigentliche Hürde wäre schon genommen, wenn wir in unseren Strukturdebatten zu Ergebnissen kommen, so notwendig sie sind. Dass wir selbst neue Kraft gewinnen, begeistert von unserem Glauben sind und diese Begeisterung auch auf andere ausstrahlen, das ist die zentrale Herausforderung. Die liebevoll gepflegte Beschwörung der eigenen Krise steigert bei anderen nicht gerade die Lust, Teil unserer Gemeinschaft zu werden.

Frage: Aber Begeisterung allein reicht doch nicht.