Sie sind stolzer Besitzer eines Kleingarten-Plumpsklos. Dessen Grube fasst 725 Liter. Behalten Sie Ihre Toilettengewohnheiten bei, wird die heute frisch entleerte Grube in 15 Jahren voll sein. Leider kommt der Saugwagen erst wieder in 83 Jahren vorbei. Also beginnen Sie, bei der Gartenarbeit weniger zu trinken. In 30 Jahren werden Sie nur noch ein Zehntel der ursprünglichen Menge pinkeln. Nur reicht das nicht. Damit Ihre Grube nicht überläuft, braucht sie einen Abfluss, zunächst für einen, später sogar für zehn Liter im Jahr.

Was hat das nun mit Klimaschutz zu tun? Ersetzen Sie Liter Gülle durch Gigatonnen Kohlendioxid (CO₂), dann wissen Sie, vor welcher Aufgabe die Welt steht: Soll die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 unter zwei Grad bleiben, muss der Treibhausgasausstoß bis Mitte des Jahrhunderts auf ein Minimum zurückgefahren werden. Von 2030 an braucht die Atmosphäre zusätzliche Entlastung, per "Negativemissionen".

Negativemissionen? Ein heikles Thema! Einerseits sprechen Klimaschützer – auch beim aktuellen Weltklimagipfel in Bonn – nicht gerne darüber. Andererseits beruht das Pariser Abkommen auf der Annahme, dass der Atmosphäre bis 2.100 insgesamt 500 Gigatonnen CO₂ künstlich entzogen werden. Das wäre so viel, wie gegenwärtig in einem Jahrzehnt ausgestoßen wird.

Die Zahl stammt vom Weltklimarat, der setzt auf eine Technik namens BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage): Schnell wachsendes Gehölz soll angebaut, in Elektrizitätskraftwerken verbrannt und das dabei freigesetzte CO₂ aufgefangen werden. Durch Rohrleitungen will man es beispielsweise in erschöpfte Erdgasfelder tief unter dem Meeresgrund leiten.

Nötig wäre das in gigantischen Dimensionen: Holzanbau auf einer Fläche von der Größe der gesamten Europäischen Union, Spezialkraftwerke, Gasverflüssigungsanlagen, Tausende Kilometer Rohrleitungen und kilometertiefe Bohrlöcher unter dem Meer. 32 Kerntechnologien halten Experten für erforderlich, verfügbar sind bisher drei. Ihr Zusammenspiel wird weltweit nur in einem einzigen Pilotprojekt erprobt.

In Deutschland hat ein entsprechendes Gesetz der schwarz-gelben Bundesregierung schon 2012 die Forschung praktisch abgewürgt (weil es jedem Bundesland erlaubt, die unbeliebte Technik zu verbieten). In den Zielen der EU kamen Negativemissionen bisher nicht vor. Die Debatte um ihre Auswirkungen auf Gesellschaft, Wirtschaft, Geopolitik hat noch gar nicht begonnen. Verhielte sich der Kleingärtner so, stünde er bald in seiner eigenen Gülle. Geht die Weltgemeinschaft weiterhin so mit dem CO₂ um, fliegt ihr der Klimaschutz um die Ohren.