Sechs Männer in schwarzen Anzügen tragen einen Sarg durch die Innenstadt von Bottrop. Neben ihnen gehen Frauen, die Gesichter hinter schwarzen Schleiern versteckt. Der Sarg ist mit Infusionsbeuteln verziert, auf denen seltsame Wörter stehen: Xgeva, Topotecan, Cyclophosphamid. Es sind Krebsmedikamente, sie sollen Leben verlängern, im besten Fall sogar Leben retten. Doch an diesem Oktobertag sind sie Symbole des Todes. Mehr als 400 Menschen sind zu dem Schweigemarsch gekommen, um der Opfer eines Verbrechens zu gedenken, dessen Ausmaß niemand jemals wird beziffern können. Eines Verbrechens, das ein hässliches Licht wirft auf einen Bereich des Gesundheitssystems, in dem viele auf Heilung hoffen – und dabei, ohne es zu ahnen, einigen wenigen ausgeliefert sind, deren Machtfülle kaum kontrolliert wird.

Auch die 66-jährige Annelie Scholz und die kleine Lara sind an diesem Tag in der Innenstadt von Bottrop. Am Abend zuvor, es war schon 21 Uhr, bastelte Scholz zu Hause in der Küche ein Plakat mit dem Foto ihrer toten Tochter Nicole, die im Dezember 2016 an Brustkrebs gestorben war. Plötzlich stand ihre achtjährige Enkelin Lara vor ihr.

"Oma, ich will auch ein Plakat, ich will auch für Mama sprechen", sagte Lara. Das Mädchen hielt einen Zettel in der Hand, auf den sie mit dickem schwarzem Stift einen weinenden Smiley gemalt hatte, dazu diese Sätze: "Es ist schrecklich, was dieses Monster gemacht hat. Es gibt Leute, die noch in die Alte Apotheke reingehen. Mama hat Medikamente bekommen und ist leider verstorben. Ich hasse die Alte Apotheke."

Annelie Scholz hat den Zettel auf ein Stück Pappe geklebt, zwei Löcher in die Ecken gebohrt und ein goldenes Geschenkband hindurchgezogen, sodass Lara sich ihr Plakat um den Hals hängen kann. Und nun stehen sie hier zwischen Grablichtern: Großmutter und Enkelin, die den Verlust der Mutter betrauern. Einen Verlust, für den sie dem früheren Chef und Eigentümer der Alten Apotheke die Schuld geben, dem Multimillionär Peter S.

Dieser Peter S., 47 Jahre alt, muss sich vom 13. November an vor dem Landgericht Essen verantworten. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hat er über Jahre hinweg Krebsmedikamente gepanscht. Allein zwischen Anfang 2012 und Ende 2016 hat er den Ermittlungen zufolge knapp 62.000 Medikamentengaben bewusst unterdosiert, um so seine Gewinnspanne zu erhöhen. Die teuren, aber in Wahrheit wertlosen Arzneien verhalfen Peter S. zu sehr viel Geld – den Krankenkassen entstand ein Schaden von knapp 56 Millionen Euro.

Das erschwindelte Geld kann man zählen, das Leid der Patienten lässt sich nicht beziffern. Peter S. belieferte 37 Ärzte in fünf Bundesländern. Rund 4.000 Menschen erhielten seine Medikamente. Viele von ihnen sind heute tot, andere schwer krank.

Da der Apotheker jedoch mitunter auch korrekt dosierte Medikamente auslieferte, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen, wie vielen Patienten er welchen Schaden zugefügt hat. Theoretisch könnte jemand an Krebs gestorben sein, obwohl er die medizinisch korrekte Therapie erhalten hat. In der Anklageschrift muss die Staatsanwaltschaft deshalb feststellen, dass sie Peter S. keines "vollendeten Tötungsdelikts" überführen kann.

Der Vorwurf vor Gericht lautet lediglich: Abrechnungsbetrug sowie Körperverletzung in 27 Fällen. Letzteres bezieht sich auf die wenigen Patienten, deren Medikamente bei einer Durchsuchung der Alten Apotheke im November 2016 sichergestellt werden konnten. Nur hier scheint eine gerichtsfeste Beweisführung möglich. Peter S. könnte Hunderte Menschenleben auf dem Gewissen haben. Dennoch droht ihm wohl nur eine Strafe von bis zu zehn Jahren.

Juristisch ist das nachvollziehbar. Für all jene Angehörigen aber, die nie erfahren werden, ob ihre Väter, Mütter, Söhne und Töchter noch leben könnten, wenn sie die richtige Therapie bekommen hätten, und für all jene Krebskranken, die nicht wissen können, ob sie korrekt behandelt wurden, ist es schwer zu ertragen. Vielleicht ist dies das Grausamste an den Taten des Apothekers: die quälende Unsicherheit, die sie hinterlassen.

Peter S. hatte wohl nie eine andere Wahl, als Apotheker zu werden. Die Mutter: Apothekerin, der Vater: Apotheker, das Geschäft: seit 1937 in Besitz der Familie. Der Junge wächst als Einzelkind auf, mit der vorgesehenen Rolle als Statthalter. Er ist, wie ehemalige Schulkameraden erzählen, ein unauffälliger, etwas dicklicher Schüler. Die anderen Kinder lachen über seinen Prinz-Eisenherz-Haarschnitt. Als er einmal Geburtstag hat, sehen sie ihn, wie er mit seinen Eltern im Eiscafé sitzt, nur die drei, keine Gäste. Peters Eltern fangen einfach irgendwelche Klassenkameraden auf der Straße ab und versprechen ihnen einen Eisbecher, wenn sie sich zu ihrem Sohn setzen.

Später, auf dem Gymnasium, Anfang der achtziger Jahre, fangen die Jungen an, Jeans und Lederjacken zu tragen. Peter steckt in Bundfaltenhosen und karierten Hemden unter seinen Pullundern. Er bleibt, was er schon immer gewesen ist: der Außenseiter.

Obwohl er eigentlich Banker werden will, studiert Peter S. Pharmazie. Seine Eltern, das erzählen mehrere Bekannte, habe er nie gemocht, seine Mutter gar gehasst. Trotzdem steigt er nach und nach in den Familienbetrieb ein, im Jahr 2009 übernimmt er ihn ganz. Zu diesem Zeitpunkt hat die Alte Apotheke bereits die Erlaubnis, Krebsmedikamente für Chemo- und Antikörpertherapien herzustellen, als eine von etwa 200 sogenannten Schwerpunkt-Apotheken in Deutschland.