Vielleicht wäre es ohne diesen Gottesdienst nie passiert. Und wie leicht hätte man diesen Morgen verpassen können. Welcher normale Mensch geht schon Dienstagfrüh in die Kirche?

Schon am Sonntag zum regulären Termin um 10 Uhr schaffen wir es bloß in Ausnahmefällen pünktlich. Das Kind ist 13, das Kind schläft gerne aus, das Kind muss, sagen wir, ermuntert werden, mitzukommen (sein Geschwisterkind erspart sich das alles, reklamiert für sich Glaubensfreiheit als Freiheit, nicht zu glauben, und kommt daher bloß an höchsten Feiertagen mit). Außerdem wohnen wir im Nachbarort, vor den Kirchgang haben der Herrgott und die Straßenverkehrsordnung allerlei Tempo 30 gesetzt. Die Häresie der Formlosigkeit, die der Schriftsteller Martin Mosebach im deutschen Allerwelts-Christentum beklagt, sie beginnt schon an der Kirchentür: Viel zu oft schleichen wir uns rein, wenn die Hauptsache begonnen hat, am besten wenn die Orgel braust, da fällt es nicht so auf.

Am Dienstag ist an Hereinschleichen nicht zu denken: Schon die Parkplatzlage verheißt Unheil. Links und rechts der Straße, an einem für gewöhnlich verlassenen Waldstreifen am Ortsrand, stehen die geparkten Autos in Kolonne. Mag sein, dass den Hirten auf dem Felde die Engel das Christfest verkündet haben – dem Kirchgänger von heute verheißt die Parkraumnot die hohen christlichen Feiertage. Und vor unserem Gemeindehaus stehen die Autos so dicht wie an Weihnachten und Ostern zusammen. Seit wann aber ist der Reformationstag ein Anlass, der Christen in Scharen aus den Federn treibt?

Gewiss, diesmal ist der 31. Oktober bundesweiter Feiertag. Und, stimmt, der Gottesdienstbesuch kollidiert damit nicht mit Schul- und Berufspflicht. Aber die Aussicht auf einmal Ausschlafen und ein gemütliches Frühstück im Bett sind doch durchaus ernsthafte Konkurrenz für jede Form von Andacht zur Morgenstunde. Und dass der Reformationstag ein traditionell gelernter Festtag im christlichen Jahreskalender wäre, das würde selbst in den meisten evangelischen Pfarrhäusern, die ich kenne, kein Mensch ernsthaft behaupten (wie der Protestant zum verordneten Feiern ohnehin ein gespaltenes Verhältnis hat – oder, wie der Katholik wahrscheinlich ergänzen würde: zum Feiern überhaupt).

Woher also der Massenauflauf am vergangenen Dienstag? Der Eindruck in der Kirche bietet ein Spiegelbild der Parkplatzlage: Noch über die letzte Sitzbank hinaus ist das Kirchenschiff gefüllt – Spätkommer wie wir müssen unseren andachtswilligen Hintern mit peinlichem Geklapper Asyl auf hölzernen Notsitzen zwischen Choraufgang und Seitenschiff verschaffen.

Als die Hitze- wie Hetze-Wallung unter der Herbstbekleidung abebbt und die Peinlichkeits-Peinigung um uns herum ein Ende gefunden hat – als da also nur noch die Gemeinde, die Pastorin und die Bibellesung den Raum füllen, da erst setzt das ungläubige Staunen ein: Wirklich, die Kirche ist voll? 400, 500 Leute vielleicht, bei uns? In einem Örtchen, dessen Postleitzahl uns als deutsche Provinz outet? Doch der Augenschein ist unabweisbar – und ich, nun ja, gerührt: Die Kirche ist voll ... dass es das noch gibt. Doch ist Rührung überhaupt eine Kategorie?

Kaum ein Blatt hat so konsequent kritisch über das Reformationsjubiläum 2017 berichtet wie Christ&Welt – nicht ohne Sympathie für das Projekt, aber auch ohne Bereitschaft, das christliche Großereignis alleine darum gutzuheißen, weil es groß war oder christlich. Wir haben die Selbstdarstellung der evangelischen Laien wie Hauptamtlichen in Recherchen, Interviews und Leitartikeln immer wieder auf den Prüfstand gestellt. War das Reformationsjubiläum nicht letzten Endes ein Reformations-Soufflé: die Events, die PR, die Zahlen – alles ein wenig aufgeblasen?

Nichts davon müssen wir zurücknehmen, schließlich hat sich die frühzeitige Ansicht von Christ&Welt am Ende in vielen Kirchenjahr-Bilanzen niedergeschlagen, medial wie innerkirchlich. Und doch wäre es feige, die Rührung zu verschweigen.

500 Jahre Reformation, zehn Jahre Lutherdekade, ein Jahr Reformationsjubiläum – war all der Zinnober am Ende doch zu etwas gut?

Zumindest wer an diesem letzten Dienstag im Oktober in einer überfüllten Kirche irgendwo in Deutschland gesessen hat, konnte sich des Eindrucks kaum erwehren: Da war was, da ist was, da wird was bleiben. Aber was ist es bloß?

Als wir am Ende des Gottesdienstes die Kirche verlassen, zeigt sich selbst die Pastorin erstaunt: Sie hat sich dem Andrang durchaus gewachsen gezeigt, an der Kirchenpforte wie zuvor am Altar, aber damit gerechnet hat sie keine Sekunde, wie sie unumwunden einräumt.

Auf dem Vorplatz schauen die Gläubigen einander ungläubig an: Ja klar, ich bin da, aber warum Sie eigentlich auch?