Immer heller strahlte der Scheinwerfer, sprang von Hollywood nach London, Rom und Berlin, leuchtete die dunklen Ecken der deutschen Filmbranche aus, tauchte auch die Politik, die Medien, die Kunstszene, die Wissenschaft in grelles Licht. Schmierige Sprüche und ungebetene Berührungen, Komplimente und Drohungen: #MeToo, überall.

Das Ausleuchten führte zu dem Gefühl, geblendet zu sein. Je sichtbarer das Thema in die Medien und privaten Diskussionen drängte, desto verschwommener wurden in der Masse der individuellen Erfahrungen die Konturen: die Arbeitskulturen, die Machtmissbrauch stützen und schützen. Nicht nur Sexismus und sexuelle Gewalt, auch Ausbeutung oder Mobbing sind Symptome von Systemen, die auf starren Abhängigkeiten errichtet sind. Zu diesen Systemen zählt die Wissenschaft.

Noch immer entscheidet die Gunst einzelner, mächtiger Figuren über Wohl oder Wehe ganzer Karrieren in der Wissenschaft

Universitäten und Forschungseinrichtungen, Labore und Bibliotheken sind, entgegen der Rede vom Elfenbeinturm, keine entrückten Welten. Sie arbeiten am Fortschritt der Gesellschaft, fußen aber zugleich auf Strukturen, die seit Jahrzehnten unbeweglich sind – allen Bemühungen um Öffnung, allen Thesenpapieren zu Reformen zum Trotz. Noch immer entscheidet die Gunst einzelner, mächtiger Figuren über Wohl oder Wehe ganzer Karrieren in der Wissenschaft. Das Lehrstuhlprinzip, ein Relikt aus der Universität des Mittelalters, schafft pyramidenartige Arbeitsstrukturen und verleiht fast ausschließlich dem Professor wissenschaftliche Macht: Er kann seinen Doktoranden mehr Arbeit aufhalsen, als im Vertrag steht – oder mehr Zeit für die Promotion gewähren. Er kann Dissertationen streng benoten – oder gnädig. Er kann jungen Wissenschaftlern Verträge anbieten und verlängern – oder eben nicht. Diese Machtfülle kann Missbrauch begünstigen.

Das Phänomen existiert im gesamten deutschsprachigen Raum: Vor wenigen Wochen erst wurde systematisches Mobbing am Astronomie-Institut der ETH Zürich öffentlich. Eine Professorin soll ihre Mitarbeiter über Jahre psychisch unter Druck gesetzt und auch nachts ständige Erreichbarkeit verlangt haben. Immer wieder seien ihre Mitarbeiter am Institut in Tränen ausgebrochen. Die Professorin wurde ins Sabbatical geschickt, wie die NZZ berichtet.

Nur selten dringen solche Fälle des Machtmissbrauchs aus den Instituten bis zur Hochschulleitung, geschweige denn an die Öffentlichkeit. Und nicht jedes Ereignis ist ein Skandal – aber doch ein Baustein der Macht. Da steht im Paper der Name des Professors an erster Stelle, obwohl seine Mitarbeiter geforscht haben. Da übernimmt der Doktorand nach Feierabend die Begutachtung von Diplomarbeiten, und die Professorin setzt ihr Autogramm drunter.

Das zehrt an den Nerven, aber deshalb aufbegehren? "Die Angst, wegen eines Konfliktes eine faire Benotung der Doktorarbeit oder gar die Vertragsverlängerung aufs Spiel zu setzen, ist allgegenwärtig." So erzählt es eine wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Max-Planck-Institut. Wie viele andere, die von Missständen berichten, möchte sie nicht mit Namen in der Zeitung stehen.

Das Spektrum des Machtmissbrauchs ist enorm, vom Plagiat oder Sexismus bis zu vermeintlichen Petitessen wie der Selbstverständlichkeit von Überstunden. Es hilft nicht, das alles in einen Topf zu werfen. Man muss aber benennen, dass sich Bedingungen, die Machtmissbrauch ermöglichen, ähneln.

Jeder ist ersetzbar, fast wie in Hollywood

Die Frage, warum sich so wenige wehren, liegt einerseits nahe, gelten doch Wissenschaftler als besonders kritische, freidenkende Menschen. Andererseits bewegen sie sich an den Hochschulen auf einem sehr speziellen Arbeitsmarkt, der Unsicherheiten befördert. Die ungewöhnlich hohe Zahl an prekär Beschäftigten wirkt dabei als stärkster Treiber des Machtgefälles. 90 Prozent der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten, jeder zweite Vertrag läuft nicht länger als zwölf Monate. So geht das häufig über viele Jahre, reiht sich Kurzzeitvertrag an Kurzzeitvertrag. Immer Teil der Rechnung: die Hoffnung, eines Tages eine Professur zu erlangen. Das jedoch gelingt nur den wenigsten: Das Verhältnis von Promotionen und neu besetzten Professuren beträgt etwa elf zu eins. Für die anderen ist es dann häufig zu spät für den Ausstieg aus der Wissenschaft. Jeder ist ersetzbar, fast wie in Hollywood.