Matthias Steiner wurde berühmt als Olympiasieger im Gewichtheben. Vielen Menschen haben sich die bewegenden Bilder der Siegerehrung 2008 in Peking eingeprägt, als er das Foto seiner kurz zuvor verstorbenen Frau in die Höhe hielt. Der Mann, der heute zum Interview kommt, wirkt wie ausgewechselt. Matthias Steiner hat 40 Kilo abgenommen. Mit seiner zweiten Frau hat er ein eigenes Abnehmprogramm entwickelt und außerdem gerade als Sänger ein Album veröffentlicht. Welche Kraft treibt ihn zu diesem Wandel? Ein Gespräch mit dem Psychologen Louis Lewitan.

ZEIT Doctor: Herr Steiner, Sie kommen gerade von einem Ärztekongress. Was haben Sie dort gemacht?

Steiner: Das war ein Diabetes-Fachkongress. Ich bin selbst Diabetiker und setze mich dafür ein, dass Diabetes-Ärzte und Endokrinologen sich auch psychologisch weiterbilden. Der Patient muss seine Blutwerte kennen und wissen, welche Bedeutung die Ernährung für ihn hat, aber der Arzt muss ihn dazu motivieren, diese Verantwortung selbst zu übernehmen. Da kommt es auf die Psychologie an.

ZEIT Doctor: Warum ist die Eigenverantwortung des Patienten Ihrer Erfahrung nach wichtig?

Steiner: Wenn ich auf Dauer schlechte Diabetes-Werte habe, riskiere ich, sehr krank zu werden – im schlimmsten Fall kann ich erblinden, oder mir droht die Amputation von Gliedmaßen. Bei Diabetes spürt man keinen Schmerz, die Krankheit ist nicht greifbar. Umso mehr muss man sich selbst dazu aufraffen, bewusst zu leben, um die Risiken zu minimieren. Ich brauche ein Ziel, das mich emotional packt, mich antreibt. Diese Motivation ist wichtig, weil man als Diabetes-Patient die meiste Zeit auf sich allein gestellt ist.

ZEIT Doctor: Wann haben Sie erfahren, dass Sie krank sind?

Steiner: Einen Tag vor meinem 18. Geburtstag. Ich war schlank, durchtrainiert, machte eine Lehre als Heizungsinstallateur und war ein aufstrebender Gewichtheber. Mir gehörte die Welt. Ich fühlte mich unsterblich. Ich habe aber gemerkt, dass ich extrem viel trinke, bis zu acht Liter am Tag, vor allem süße Sachen. Außerdem konnte ich in der Fahrstunde auf einmal die Straßenschilder nicht mehr richtig erkennen – ich machte gerade den Führerschein. Ich bin zum Augenarzt, und der meinte, wir messen mal Zucker. So bekam ich noch am gleichen Tag die Diagnose: Diabetes Typ 1. Ausgelöst wurde die Krankheit bei mir durch eine verschleppte Grippe. Mir war gar nicht klar, dass so etwas möglich ist.

ZEIT Doctor: Was bedeutete diese Nachricht damals für Sie?

Steiner: Die Diagnose war eine Katastrophe, der Arzt sagte sofort: Gewichtheben geht nicht mehr. Mein Vater war Hobbygewichtheber, ich wollte unbedingt stärker sein als er. Und dann saßen wir plötzlich gemeinsam mit Tränen da, als wir die Diagnose erfuhren. Mir wurde erst richtig bewusst, wie schlimm es sein musste, weil mein Vater so schwach wurde. Das war im Jahr 2000, damals wusste man noch nicht, dass Krafttraining bei Diabetes sehr förderlich ist.

ZEIT Doctor: Warum haben Sie trotzdem weitertrainiert?

Steiner: Ich spürte einen unglaublichen Bewegungsdrang. Ich war mir sicher: Ich will Sport machen. Der Arzt meinte, da wolle er die Verantwortung aber nicht übernehmen, und sagte: Sie handeln auf eigene Gefahr! Ich bin noch im Krankenhaus gleich eine Stunde auf den Hometrainer gegangen, und zum ersten Mal ging es mir wieder richtig gut. Zwei Monate später stand ich auf der Gewichtheberbühne bei der Junioren-Europameisterschaft in Kroatien.

ZEIT Doctor: Was ist die besondere Herausforderung, wenn man Gewichtheber ist und Diabetes hat?

Steiner: Das Schlimmste ist der Unterzucker. Da schaltet der Körper seine Funktionen auf "off". Du verlierst die kognitive und körperliche Kontrolle. Einmal ist mir das im Wettkampf passiert, da habe ich plötzlich gemerkt, wie meine Arme nachgaben und die Hantelstange runterfiel. Von zu hohen Zuckerwerten wirst du wiederum antriebslos und schwerfällig und kannst nicht wirklich Höchstleistungen erbringen.

ZEIT Doctor: Wie sind Sie mit dem Risiko umgegangen?

Steiner: Ich habe dafür gesorgt, dass mein Umfeld Bescheid weiß, was im Notfall zu tun ist. Mein Trainer hat sich in alles einweisen lassen, er wusste, wie die Notfallspritzen mit Glucagon funktionieren.

ZEIT Doctor: War es schwer, einen Arzt zu finden, der diesen extremen Weg mitgehen wollte?

Steiner: Es war nicht einfach. Ich habe Respekt vor Ärzten, aber mich beeindrucken nur diejenigen, die anders an die Sache herangehen. Wir Typ-1-Diabetiker führen Tagebuch über unser Essverhalten und den Blutzuckerspiegel. Die meisten Ärzte schauen sich dieses Tagebuch nur kurz an und haben fast immer etwas daran auszusetzen. Das ist nicht gerade motivierend. Auf Empfehlung bin ich damals zu einem Diabetologen im Saarland gefahren. Dieser Arzt hat mir zuerst Fragen gestellt und mich reden lassen. Dann sagte er: "Mir liegen alle Werte vor, und Sie machen das sehr gut, aber wir können noch ein bisschen was ändern." Er sagte, 80 Prozent mache ich schon richtig, lediglich 20 Prozent könne ich noch besser machen. Ich dachte: Wow, 80 Prozent, super. Endlich hab ich mal nicht alles falsch gemacht! Ein neues Gefühl. Seine Haltung hat mir Mut gemacht.