"Tie – re" steht auf dem Plakat. Sieht aus wie eine dieser von Designern ausgeheckten Schreibweisen, die am Ende nur ein Effekt sind und nicht wirklich was bedeuten. Tatsächlich ist es schon ein erster Hinweis auf die Idee dieser großartigen Ausstellung. Wenn man das so ausspricht, erst die Silbe Tie und dann, nach einer Kunstpause, das re, dann kommt ein Grollen zustande, ein Grrrr-Laut. Der Name der Schau als Erlebnis dessen, was sie zeigt. Rrrrrr. Mit dem entsprechenden Sound werden wir alle ein bisschen zum Tier.

Sabine Schulze hat persönlich kuratiert. Nächstes Jahr tritt sie als Direktorin ab, das heißt, das Ganze ist schon Teil des Finales. Die Themenschau, das kann sie wie nur wenige Kuratoren in Europa. Eine Frage stellen und dann sammeln, ordnen und so präsentieren, dass der Museumsbesucher nicht das Gefühl hat, er wandert durch ein Uni-Seminar mit Bilderwänden, sondern hineingezogen wird in eine Welt des künstlerischen Ausdrucks.

Bei den Tieren ist das ein Fundus aus Stücken von der Antike bis zur Gegenwart. Alle Sparten sind vertreten: Zeichnungen, Öldbilder, Statuen, Videos. "Wenn man ein Thema lange im Herzen bewegt, dann sammelt man auch entsprechend", sagt Schulze. Der Satz mit der Herzensbewegung klingt ungewohnt emotional für diese Intellektuelle, deren Ausstellungen so komplizierte Themen wie Umweltverschmutzung, kapitalistische Gier oder Dilettantismus aufgefächert haben. Aber wenn man dann an ihrer Seite durch die Räume streift, stellt sich wirklich das Gefühl ein, dass hier ein persönlicher Blick auf ein Thema zum Szenario wird.

Akihiro Higuchi: Collection-Kakerlake« (2017) © Abb.: Akihiro Higuchi/Courtesy of Mikiko Sato Gallery, Hamburg

Stehen wir also vor den antiken Stücken: ein Bernstein-Elch, 12.000 vor Christus. Man würde das Amulett sofort mitnehmen und einem Liebsten zu Weihnachten schenken. Die Plakette in Form eines Pelikans, 2500 Jahre alt. Zarte feine Huldigungen der tierischen Gestalt.

Und dazwischen dieses kleine Bronze-Schaf. Was, das ist von Beuys? Schulze lächelt. "Schauen Sie mal, wie das in sich hineinhorcht." Es stimmt, der matt schimmernde Körper ist ein perfektes Sinnbild für Kontemplation. Wie schnell diese Kuratorin einen Bezug herstellen kann zwischen dem Gestern und Heute, lässig, ohne didaktische Schwere.

"Und der kleine Elefant ist aus meiner Privatsammlung", sagt Schulz und freut sich wie ein Kind, dem ein Streich gelungen ist. Ein zersaustes Stofftierchen inmitten von Kostbarkeiten der Antike – es wirkt kurios und passt dennoch perfekt. Die Aufladung von Tieren mit menschlichen Wünschen, ja Utopien, verdeutlicht durch einen ästhetischen Bruch.

Wir gehen weiter, vorbei an Katzen und Falkenmumien, an den altägyptischen Schminkplatten in Fischform (die Kosmetik anrichten auf solchen Kunstwerken, da kann selbst Lagerfeld noch Nachhilfe nehmen). Und dann: die Affen. Sind sie vielleicht die besseren, kritischeren Menschen? So fragte das 19. Jahrhundert, und entsprechend gibt es verstörende Werke zu sehen. Die Affen als Kunstrichter von Gabriel von Max. Emmanuel Frémiets Gorilla, eine Frau raubend. Da steht der Vorläufer von King Kong als armhohe Bronze, das Tier als Lüstling. Aber wenn man ihn nur lang genug anschaut, wie er brüllend, von Pfeilen und Speeren verwundet, die Lady wegschleppt, fragt man sich, ob da nicht eine unschuldige Kreatur versucht, den Menschen vor sich selbst zu retten. Wir wissen ja: Die Aufklärung kennt eine böse Dialektik. Aus dem zivilisierten Menschen wird schnell der animalische Barbar.

Vor der Statuette eines Pavians, 664 vor Christus entstanden, sagt Schulze: "Schauen Sie sich diese herrlichen Pobacken an!" Wie bitte, diesen Gott der Weisheit soll man wegen seines Hinterns bestaunen? "Der stand lange mit dem Rücken zur Wand, aber wir haben ihn jetzt so platziert, dass man auch die Rückseite würdigen kann." Tatsächlich: Die Rundungen sind formidabel. Ein metaphysischer Babo braucht eben die richtige Basis, schließlich muss man eine Ewigkeit aussitzen.