Die Schweiz, ihre Social-Media-Gemeinde und Politiker kennen dieser Tage nur ein Thema: den öffentlichen Rundfunk. Am vergangenen Samstag rief der Gewerkschaftspräsident seinen Delegierten zu, die No-Billag-Initiative habe "Staatsstreich-Charakter". Das Volksbegehren sei ein "Sprengsatz", schreibt die linke Wochenzeitung: Gehe er hoch, bringe er die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) zum Einsturz. Der Tages Anzeiger warnt seine Leser, bald gebe es Roger Federer nur noch im Pay-TV zu sehen. Und die Tageszeitung Le Temps meint, das Ganze sei eine Frage der nationalen Sicherheit. Wer Radio und Fernsehen kontrolliere, der gewinne Wahlen, schüre soziale Konflikte und entscheide über Krieg und Frieden.

Wie wurde aus einer radikalen, chancenlosen Vorlage ein Geschäft, über das sich die SRG-Bosse nicht nur ärgern, sondern vor der sie sich fürchten?

Was ist passiert, dass hierzulande viel mehr als ein paar libertäre Eiferer damit liebäugeln, den öffentlichen Rundfunk mit seinen 17 Radio- und sieben TV-Stationen abzuschaffen?

Am 4. März 2018 entscheiden die Stimmbürger darüber, ob sie die Radio- und Fernsehgebühren abschaffen wollen. Sagen sie Ja, stünde fortan in Artikel 93 der Schweizerischen Bundesverfassung, dass der Bund weder Empfangsgebühren erheben noch Radio- und Fernsehstationen subventionieren darf. Ebenso untersagt wäre ihm, eigene Sender zu betreiben. Stattdessen müsste er regelmäßig Konzessionen versteigern. Die Schweiz wäre das einzige westeuropäische Land ohne einen öffentlichen Rundfunk.

Die No-Billag-Initiative, benannt nach der Inkassofirma, die in der Schweiz die Gebühren eintreibt, war eigentlich eine Bier-Idee. Entworfen 2013 von einigen Jungen SVPlern und Jungfreisinnigen beim gemeinsamen Bechern. Führender Kopf war und ist Olivier Kessler, früher Chefredakteur der rechtsnationalen Schweizerzeit, heute Vizedirektor des Liberalen Instituts. Für den 31-Jährigen sind die Billag-Gebühren schlicht staatlich legitimierter Diebstahl. Also, weg damit!

Seine Initiative war anfangs selbst der SVP zu radikal. So hat sie auch deren prominenteste Medienpolitikerin und SRG-Kritikerin, Natalie Rickli, anfänglich nicht unterstützt. Die Nationalrätin und ihre Partei setzten stattdessen auf einen Gegenvorschlag, mit dem sie die Radio- und TV-Gebühren halbieren wollten, scheiterten damit aber im Parlament. Deshalb stimmte Rickli im Rat schließlich für No Billag, und mit ihr die Hälfte der SVP-Fraktion, darunter auch Weltwoche-Verleger Roger Köppel.

Das war der Dammbruch.

Ende Oktober verabschiedete die Zürcher SVP beinahe einstimmig die Ja-Parole, kurz darauf zog der Schweizerische Gewerbeverband nach. Und bereits im September zeigte eine erste Umfrage, die der Verband Schweizer Medien in Auftrag gab: 47 Prozent der Schweizer wollen die Initiative annehmen, lediglich 37 Prozent lehnen sie ab.

Sechs Gründe, weshalb es so weit kam:

1. Geht es ums Fernsehprogramm, haben alle eine Meinung. Die einen möchten in der Primetime lieber einen Robert-Menasse-Talk anstatt die Landfrauenküche genießen. Andere sähen lieber mehr Orientierungslauf anstatt Eishockey oder Formel 1 im Sportpanorama. Kurzum: Jeder hat irgendeinen Ärger mit dem öffentlichen Fernsehprogramm. Eine Volksabstimmung ist da eine gute Gelegenheit, um seinem Ärger Luft zu machen.

2. Sind Journalisten selber betroffen, ergreift sie die Panik. Die No-Billag- erinnert an die Zuwanderungsdebatte. Klar, inhaltlich geht es um etwas völlig anderes. Aber wie damals, als immer mehr gut qualifizierte Deutsche in die Schweiz kamen, verfängt auch diese Debatte in den Redaktionen, weil die Journalisten direkt betroffen sind: Das eine Mal spürten sie den steigenden Konkurrenzdruck, bei No Billag drohen sie oder ihre Kollegen den Job zu verlieren.