Da muss er jetzt durch, es gibt kein Entrinnen, schließlich hat er sich das ganze Drama selbst eingebrockt. Um 17 Uhr wird es losgehen an diesem Donnerstagabend, sie haben dafür extra den Großen Festsaal im Rathaus hergerichtet. Nur für seinen Auftritt, der zeitgleich per Livestream im Internet übertragen wird, auf der Seite der Bürgerschaft. Es ist ein Festtag für die Hamburger Opposition: Endlich können sie ihn grillen. Können ihm im Sonderausschuss, der die Versäumnisse der Gipfelzeit aufarbeiten soll, noch mal seine haarsträubenden Fehleinschätzungen vorhalten. Noch mal in seinen Wunden bohren und Fragen stellen: Wie, um Himmels willen, sind Sie trotz aller Warnungen darauf gekommen, eine Sicherheitsgarantie für die Hamburger auszusprechen? Den Vergleich zum Hafengeburtstag zu ziehen? Zu behaupten, manche würden sich am 9. Juli wundern, dass der Gipfel so schnell vorbeigegangen sei? Waren das nicht Zeichen von furchtbarer Selbstüberschätzung?

Es wird ein Festtag sein für die Gegner von Olaf Scholz.

Und ein Martyrium für den Ersten Bürgermeister.

Noch vor Kurzem schien er unbesiegbar. König Olaf hatte alles im Griff. Er löste Probleme, anstatt sie zu erzeugen. Er überstand die Flüchtlingskrise und wirkte in Hamburg gelegentlich sogar unterfordert. Doch spätestens mit dem Gipfel war seine jahrelange Erfolgsphase beendet. Im September folgte der drastische Einbruch bei der Bundestagswahl, als seine SPD in Hamburg fast neun Prozentpunkte verlor, mehr als in jedem anderen Bundesland. Jetzt sind seine Kritiker wieder da, stellen seine Politik massiv infrage, bei den Kitas, bei der Ausstattung der Polizei, beim generellen Wachstum der Stadt. Plötzlich glauben manche, ein Muster entdecken zu können: Die gescheiterte Olympiabewerbung, die zwischendurch schon fast vergessen war, und das Debakel beim G20-Gipfel – kann Scholz keine Großprojekte? Geht es ihm zu sehr um den weltweiten Ruhm der Stadt und zu wenig um die Bürger? Olaf Scholz erlebt ein schreckliches Jahr und seine bislang schwerste Zeit als Bürgermeister.

All das ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt, an dem die SPD bundesweit in einer lebensbedrohlichen Krise steckt, wie Scholz es sieht. Und wo er sie eigentlich retten müsste, wie viele seiner Anhänger es sehen.

Das größte Problem dabei: Mit seinen Fehlern beim G20-Gipfel hat er seinen Markenkern selbst beschädigt, und das ziemlich unnötig. Sein Motto lautete immer: "Nur das versprechen, was man auch halten kann." Ein Mann, ein Wort also. Sachlich, unaufgeregt, kompetent. Ein Problemlöser. Ein möglicher Kanzlerkandidat. Wie sagte der Chef des Umfrageinstituts Forsa, Manfred Güllner, im Herbst über Scholz? "Hätte man ihn rechtzeitig zum Kandidaten nominiert, hätte man Chancen gehabt." Genauso sehen das die Scholz-Fans auch.

Umso seltsamer, dass der sonst so abwägende Olaf Scholz bei seinen Aussagen zum G20-Gipfel so danebenlag. Er, der sonst immer in einer Art Sicherheitsmodus spricht und jedes Wort daraufhin abwägt, ob es Schaden anrichten kann. Gewarnt war er spätestens seit seiner Zeit als SPD-Generalsekretär. Damals brachte ihm seine Forderung, die SPD müsse die "Lufthoheit über den Kinderbetten erobern", nichts als Hohn ein. Jetzt wird es am Donnerstagabend im Großen Festsaal wieder um seine Worte gehen.

Doch die Aussagen vor dem Gipfel waren keine Tollpatschigkeit, kein Unfall. Scholz hat sie in voller Absicht gemacht. Drei Erklärungen gibt es dafür, die möglicherweise alle gemeinsam zutreffen.

Die erste Erklärung: Er gibt gerne den starken Mann. Es ging um sein Großthema innere Sicherheit. Da will er sich nicht wegducken, da will er Härte zeigen, auch weil ihn die Erinnerung an Ronald Schill bis heute verfolgt, dessen Aufstieg er 2001 nicht verhindern konnte.

Die zweite Erklärung: Er glaubt etwas zu sehr an sich. Erfolg kann das Sichtfeld einschränken, gerade wenn man lange Zeit mit penibler Planung alles im Griff hatte. Scholz dachte, dass auch beim Gipfel alles bis ins letzte Detail geplant sei. Und dass doch gar nichts Schlimmes passieren kann, wenn alle so prima vorbereitet sind. Kontrollverlust? Das kommt in seiner Welt nicht vor.

Die dritte Erklärung: Er hatte Angst. Davor, dass ihm seine Worte im Mund umgedreht werden, wenn er unklar bleibt. Die Sicherheitsgarantie für die Hamburger gab er ab, als ihn zwei Reporter fragten, ob Hamburg die Sicherheit der Bevölkerung garantieren könne. "Seien Sie unbesorgt", sagte Scholz, "wir können die Sicherheit garantieren." Er glaubte, dass ihm ein ungefähres "Wir geben unser Möglichstes" als Ausweichmanöver ausgelegt worden wäre und die Aufregung in der Stadt noch vergrößert hätte. Er wollte nicht dastehen als einer, der sich verbale Schlupflöcher sucht.

Alle drei Erklärungen stammen von Leuten, die Scholz gut kennen. Alle sind nachvollziehbar und dennoch keine richtig gute Begründung dafür, Dinge zu versprechen, die man nicht halten kann.