Peter Frey

Keine fünf Jahre ist es her, da hat er uns schlicht mit "Guten Abend" auf dem Petersplatz begrüßt, die Ausstaffierung als Papst-Puppe und alle Anforderungen der Repräsentation fast aggressiv abgewehrt: "Der Karneval ist vorbei." Wie ein gewöhnlicher Rom-Pilger war er in ein schlichtes Gästehaus eingezogen und verweigert seitdem stur die S-Klasse. Trotzdem scheint es, als seien Papst Franziskus die spektakulären Gesten ausgegangen. Die Erwartungen, der Argentinier werde den Sumpf der Kurie trockenlegen, Wunden wie das Wiederverheiratungsverbot für Geschiedene heilen, den Zölibat abschaffen, die Frauenordination einführen oder Homosexuelle vollwertig trauen, haben sich zerschlagen. Sein Pontifikat – eine Enttäuschung?

Für mich nicht. Franziskus kämpft wie viele von uns gegen Traditionen, Machtstrukturen, hartleibige Besitzstandswahrung, Bequemlichkeit und Beschränktheit. Wer versagt hier eigentlich: er oder seine Kirche, Gemeinden, Bischöfe, Laienverbände, Synoden? Nehmen wir den Ball selbstbewusst auf, den er uns zuspielt? Übernehmen wir entschlossen und mutig genug die regionale Verantwortung, die er von uns einfordert, die er uns zumutet?

Man erzählt, Franziskus beende fast jede Begegnung mit der Bitte, für ihn zu beten. Er weiß also, dass er es alleine nicht schafft. Wer zuerst Strukturveränderungen fordert, macht es sich auch bequem. Das entlastet von den Entscheidungen, von der Verantwortung, vom Konflikt. Mir jedenfalls bietet der demonstrativ hilfsbedürftige Mann im Vatikan Orientierung, wenn er unsere Verantwortung für Erde und Klima in Laudato si anschaulich macht, sich in der Vorbereitung zu Amoris laetitia für das tatsächliche Leben in Familie und Beziehungen interessiert und beharrlich gegen den Zeitgeist der Abschottung das soziale Gesicht der Globalisierung einfordert. Gegen die neuerdings so erfolgreichen Autoritären und Nationalisten setzt er die Schwäche des fast 81-Jährigen, der unsere Welt weiter als Eine sieht. Er ist der Anwalt der Armen, Flüchtlinge und Verlierer (manchmal des Regelwerks der eigenen Kirche). Franziskus hat nie mehr versprochen, als er hält. Er wird für immer der Papst der Barmherzigkeit bleiben, für den im Kampf gegen die Pharisäer des Dogmas und des Gesetzes nichts wichtiger ist als der Mensch. Noch ist er da. Als Vorbild, Hoffnung, Antrieb. Sollten wir von uns nicht mehr enttäuscht sein als von ihm?

Peter Frey ist Chefredakteur des ZDF und Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Volker Beck

Von der Familiensynode und Amoris laetitia haben sich viele Christinnen und Christen mehr versprochen. Denn: Gott ist Liebe, und seine Kirche muss die Botschaft der Barmherzigkeit ausstrahlen.

Die Zeichen standen auf Aufbruch, das weckte Hoffnungen, der Ausgang war jedoch enttäuschend. Ein großer Schritt auf die Menschen zu ist der Kirche damit nicht gelungen. Mehr als eine zaghafte pastorale Hinwendung zu wiederverheirateten Geschiedenen hat es nicht gegeben. Die apodiktische Verurteilung der gleichgeschlechtlich Liebenden blieb bestehen. Sie kann und darf nicht das letzte Wort einer Kirche sein, die Jesus Christus und seinem dreifachen Liebesgebot nachfolgt.

Die katholische Sexuallehre müsste eigentlich um der Gläubigen willen neu gedacht werden. Der Aspekt der sexuellen Selbstbestimmung als eigenständiges Kriterium zur Bewertung des Verhaltens kommt bei ihr bislang nicht vor, selbst da nicht, wo es um Angriffe anderer auf dieses Selbstbestimmungsrecht geht. Womöglich ein Grund für manche Fehlleistung der Institution auf diesem Gebiet.

Hier muss endlich neu nachgedacht werden: Von Thomas von Aquin sollte nicht nur der Buchstabe der "Summa theologica", sondern auch seine Fähigkeit, sowohl den Wissensstand seiner Zeit wie die antike Philosophie theologisch fruchtbar zu machen, rezeptiert werden. Dann könnte katholische Theologie auch eine Antwort auf die humanwissenschaftlichen Erkenntnisse über die homosexuelle Identität geben. Das treibt mich alles um und macht mich eigentlich ziemlich unzufrieden mit dem bisherigen Ertrag des Pontifikats von Franziskus.

Aber: Die ersten Schritte des Papstes, die Tore der Kirche für die Menschen weiter zu machen, werden nun von Traditionalisten und Integristen massiv angegriffen, um sie zu stoppen. Selbst die reine Geste – ohne konkrete Taten oder Konsequenzen für die Lehre – ist ihnen zu viel. Sie wollen Lehre, Leben und Denken der Kirche einfrieren.

Wem die Kirche und Jesu Botschaft am Herzen liegen, der muss sich gegen diese Angriffe und vor den Papst stellen – trotz aller Frustration über die ausbleibende Erneuerung.

Volker Beck war bis 2017 religionspolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion. Er ist Lehrbeauftragter der Ruhr-Uni Bochum.

Diana Kinnert

Ich teile Robert Spaemanns Kritik, Papst Franziskus treibe mit Amoris laetitia und dem so gelesenen Bruch mit der kirchlichen Lehre einen Spalt in seine Kirche. Ich teile nicht, dies als Versagen oder Irrtum abzutun. Weil Kirche eben kein demokratischer Apparat ist, muss der aus innerem Kontext erarbeitete Konsens auch keine Marschrichtung sein. Das Gegenteil ist richtig: Ein kirchliches Oberhaupt hat sich durch geistliche Führung und zivile Unabhängigkeit auszuweisen, darf eben nicht demokratisch verfügbar oder auf irgendeine Art "sozial verträglich" statt nicht-radikal sein. Glauben ist etwas Radikales. Ein gelebtes Glaubensbekenntnis darf es in gewissem Maße ebenfalls sein.

Franziskus’ Arbeit wohnt dieser Mut inne. Und selbst in Anbetracht des politischen und kulturellen Gehaltes der Kirchen ist Spaemanns Spalt am Ende des Tages mehr Aufbruch denn Abgesang der Christen in der Moderne. Denn: Die gesellschaftliche Rolle der Kirche, Orientierung und Halt zu bieten, verlangt bei äußerem Umgebungswechsel gar innere Beweglichkeit. Ein Zeitalter, das durch verschiedenste gesellschaftliche Auf- und Abtriebe die Bedingungen von Freiheit und Liebe, von Bindung und Verbindlichkeit derartig umstrukturiert, spricht Menschen, die verlassen oder verlassen werden, Hinterbliebene oder schon in sich uneins sind, von ausschließlicher Eigenschuld frei. Diese auszuschließen wäre ein Rückenkehren. Mein Glaube befiehlt mir das Gegenteil. Ich bin dankbar für Franziskus’ Marschrichtung, die Kirche mit Leben zu füllen statt als Sittengehäuse aufrechtzuerhalten.

Diana Kinnert ist ZEIT ONLINE-Kolumnistin, seit zehn Jahren CDU-Mitglied und hat ein "Plädoyer für einen modernen Konservatismus" veröffentlicht.