Frage: Herr Zulehner, ist der Papst angezählt?

Paul M. Zulehner: Wie kommen Sie darauf?

Frage: Sie haben gemeinsam mit dem Prager Religionsphilosophen Tomáš Halík die Petition "Pro Pope Francis" gestartet, mit der Sie dem Papst Ihre volle Unterstützung zusichern. In der Politik sind Solidaritätsbekundungen ein Indiz dafür, dass der Mann an der Spitze angeschlagen ist.

Zulehner: So würde ich das nicht beurteilen. Ich habe gute Kontakte zu Kardinälen, die mit ihm zusammenarbeiten. Die sagen mir: Er lässt sich von der Erneuerung der Kirche nicht abbringen. Er verfolgt seinen Weg unbeirrt.

Frage: Wozu braucht es dann überhaupt diese Solidaritätsbekundung?

Zulehner: Die Angriffe auf den Papst haben massiv zugenommen. Zentraler Auslöser ist das päpstliche Schreiben Amoris laetitia von 2016, in dem der Papst eine barmherzige Haltung zur Wiederverheiratung Geschiedener einnimmt. Bekanntlich haben daraufhin die vier Kardinäle Walter Brandmüller, Raymond Burke, Carlo Caffarra und Joachim Meisner in einem Brief Zweifel an der Eindeutigkeit von Amoris laetitia zum Ausdruck gebracht. Anschließend haben 62 Papstkritiker in einer öffentlichen "Zurechtweisung" den Papst der Häresie verdächtigt. Durch die medialen Lautsprecher ist das sehr stark herübergekommen. Man hat den Eindruck, dass es nur noch diese kritischen Stimmen in der Kirche gibt. Das ist aber nicht wahr! Es existiert eine große, schweigende Unterstützung für den Papst.

Frage: Die Kritiker wollten mit ihrer Aktion den Eindruck erwecken, dass man über den Papst abstimmen kann. Laut Kardinal Walter Brandmüller haben 870.000 Menschen eine kritische Bittschrift an den Papst unterschrieben. Sie hingegen haben bislang knapp 50.000 Unterschriften gesammelt. Führt das nicht zu einem Wettbewerb der Zahlen? Nach dem Motto: Wer hat mehr Unterschriften für sich gewonnen?

Zulehner: Wir führen keine Abstimmung über den Papst durch. Das ist ein Missverständnis, dem auch viele Bischöfe aufgesessen sind. Manche haben auf unsere Anfrage geantwortet: "Wir sind ohnehin loyal zum Papst und unterzeichnen deswegen den Brief nicht." Dabei geht es nicht um Papsttreue, sondern um den Weg, den die Kirche in den nächsten schwierigen Jahrzehnten einschlagen wird. Wir fordern gemeinsam mit dem Papst von Teilen der katholischen Kirche, sich nicht dauernd mit sich selbst zu beschäftigen und das Evangelium besser zu lesen.

Frage: Auch die evangelische Kirche reagiert bislang sehr zurückhaltend auf Ihren Brief. Warum eigentlich? Kein Papst steht so sehr für die ökumenische Aussöhnung wie Franziskus.

Zulehner: Die evangelischen Bischöfe wollen ihm nicht schaden, wie sie mir gesagt haben: Sie haben Sorge, dass man ihn als protestantisierenden Papst ansehen könnte. Ich habe mir immer gesagt: Bischöfe sind wunderbar in der Kirche, aber sie sind nicht absolut notwendig für unsere Unterschriftenaktion.

Frage: Der Papst hat seine Kritiker bewusst ignoriert und sie nicht empfangen. Tun Sie seinen Widersachern mit Ihrer Gegenaktion nicht zu viel der Ehre an?

Zulehner: Wir richten uns in unserem Brief nicht in erster Linie gegen die Papstkritiker. Es geht uns nicht um Personalisierung.

Frage: Worum geht es Ihnen dann?

Zulehner: Wir wollen einem Verdacht entgegentreten, der immer wieder geschürt wird: Nämlich, dass die Amtsführung des Papstes theologisch, dogmatisch und pastoral nicht ausreichend begründet ist. Das verunsichert viele Leute im einfachen Volk. Denen wollen wir zeigen: Nein, es gibt weltweit eine sehr starke Unterstützung durch die universitäre Theologie.

Frage: Wie sieht die aus?