There is a crack in everything
That’s how the light gets in.
Leonard Cohen

Reden wir über Patriotismus. Und damit es richtig schwer wird, reden wir mit Alexander Gauland darüber. Schon der Anfang fällt schwer. Der sieht jedes Mal, wenn ich mit Gauland essen gehe, so aus: "Hätten Sie wirklich Interesse an der Erhaltung der deutschen Landschaft und der Natur, würden Sie weniger Fleisch essen", sage ich. Er bestellt dann aber doch ein Wiener Schnitzel. Und das nicht nur, weil paniert einfach alles schmeckt, sondern weil es ihm offenbar nicht leichtfällt, sich für die Zukunft zu interessieren, nicht mal für die deutsche. Der Klimawandel vermag nicht recht in sein Bewusstsein vorzudringen, obwohl ja völlig klar ist, so könnte man auf Gauländisch argumentieren, dass dieser die heimischen Arten zugunsten eingeschleppter, von Süden her vordringender Rassen dezimiert. Man könnte auch sagen: Die Umtierung und Umpflanzung der deutschen Natur ist bereits in vollem Gange. Was soll bloß aus dem deutschen Riesling werden? Nur noch Primitivo in Auerbachs Keller? Ist das dann noch unsere Heimat?

Und schon sind wir bei der Identität angekommen. Die ist nicht so etwas Handfestes wie die Natur, sondern ein Gedachtes, sie ist gedachte Heimat. Ihr gilt das patriotische Gefühl, an das Gauland und seine Leute appellieren. Die versuchen ein Feld zu besetzen, das die Mehrheitsgesellschaft oder zumindest die Eliten, die für sie zu sprechen gewohnt sind, offengelassen haben. Vielleicht haben diese Eliten sogar Heimat mit Mehrheit verwechselt. Jedenfalls sehen sie sich nun einer versuchten Landnahme gegenüber, auf die sie nicht vorbereitet sind.

Bereits der Satz, der jetzt allenthalben zu hören ist, man dürfe den Patriotismus nicht den Rechten überlassen, zeugt von einer gewissen Hilflosigkeit. Schließlich ist Patriotismus ein Gefühl, und Gefühle lassen sich nicht hierhin und dorthin kommandieren. Sie entziehen sich ganz generell irgendwelchen Zwecken, man kann nicht empfinden, um zu oder damit.

Es lohnt sich also, einmal eine genauere Analyse dessen vorzunehmen, was Gauland und seine Leute vorschlagen. Sie führt, wie zu sehen sein wird, direkt hinein in eine Bestandsaufnahme des linken Patriotismusangebots, also auf weitgehend unbekanntes Terrain.

Zunächst einmal: Gauland und seine AfD lieben Deutschland auf eine traurige Weise. Mit einer rätselhaften Lust an der Vergeblichkeit sehen sie auf das Land. Letztens sagte Gauland, die "zwölf Jahre", also die Hitler- und Holocaust-Zeit, gehörten nicht mehr zur deutschen Identität. Vermutlich wünscht er sich, dass mehr über Karl den Großen, Martin Luther oder Hildegard von Bingen geredet wird, anstatt über diese schlimmen Dinge zwischen 1933 und 1945. Nur, es vergeht sich jeder an den Helden der deutschen Geschichte, wenn er über sie redet, um nicht über etwas anderes reden zu müssen, er instrumentalisiert und entwertet Hildegard von Bingen oder auch Friedrich II., der nebenbei gesagt eher ein Italiener war. Der irre Wunsch, den gewaltigsten und gewalttätigsten Eingriff, den Deutsche je in die Weltgeschichte unternommen haben, auszublenden oder auch nur abzublenden, macht auch den ganzen Rest dieser Geschichte unlesbar. Denn ohne die zwölf Jahre versteht man heute rein gar nichts von den Deutschen, weder von der Zeit davor noch von der danach. Im Übrigen: Wenn man immer um etwas herumredet, verbleibt es bekanntlich gleichwohl im Zentrum.

Aber wo das Gaulandsche Denken diese zwölf Jahre schon nicht ausblenden kann, wie wäre es denn, wenn man sie umwertet, sie gewissermaßen in Teilen stolzfähig umdrapiert? Gauland hat es letztens mit den Wehrmachtsoldaten probiert, er wolle stolz sein auf deren militärische Leistungen, sagte er, unabhängig davon, welchem Zweck diese Leistungen dienten. Er folgt dabei einem Stolz-Konzept, wie es in jenen Ländern praktiziert wird, die ihm als Vorbild dienen. Großbritannien, die USA oder Frankreich etwa verfügen in seinen Augen über einen unversehrten Nationalstolz, den die Deutschen nach all den Jahren, die seit 1945 nun vergangen sind, endlich auch verdienten. Zur Traurigkeit kommt also noch Neid: Warum können wir nicht auch so stolz sein wie unsere Nachbarn? Dieses Projekt ist natürlich ebenfalls zum Scheitern verurteilt, weil es stolztechnisch eben einen gewissen Unterschied ausmacht, ob man Hitler gedient oder ihn besiegt hat. Da sind die ehemaligen Alliierten klar im Vorteil.

Außerdem ist seit mindestens eineinhalb Jahren eines nicht mehr zu übersehen: Die genannten Staaten sind mit ihren eigenen Nationalgeschichten gewaltig ins Schleudern geraten. Tatsächlich ist es den USA sehr lange gelungen, stolz auf die eigenen Soldaten zu sein, sie samt und sonders zu Helden zu verklären, unabhängig davon, ob die Kriege, die sie jeweils geführt haben, gerechte Kriege waren (wie die gegen Deutschland und Japan) oder kriminelle (wie die gegen Vietnam und den Irak).

Doch nun kollabiert dieses Konzept, weil es von der amerikanischen Rechten auch auf jene Soldaten ausgeweitet wird, die im Bürgerkrieg für die Sklaverei kämpften. Die Rehabilitation des Südstaaten-Generals Robert Lee war keineswegs bloß einer dieser absurden Einfälle von Donald Trump. Auch sein Stabschef John Kelly, selber ein General, argumentierte kürzlich mit großem Pathos genau so. Wenn aber ein Soldat, der für die Sklaverei kämpfte, zum Helden erklärt wird, dann fühlen sich verständlicherweise die Nachfahren ebenjener Sklaven verhöhnt, dann wird der Stolz zu etwas, das die Nation spaltet, statt sie zu einen. Und wenn nun der eines jeden Inhalts entkleidete Stolz auf die Soldaten sogar in den USA das Land spaltet – wie soll ein solcher Versuch erst in Deutschland ausgehen?

Auch Großbritannien und Frankreich werden von den (im Vergleich zu Deutschland viel weniger) verbrecherischen Seiten ihrer Geschichte eingeholt. Deren Problem ist leicht zu beschreiben und schwer zu lösen: Die Opfer des britischen und des französischen Kolonialismus sowie ihre Nachfahren leben jetzt zu Millionen in Großbritannien und Frankreich, sind oft sogar Staatsbürger, werden selbstbewusst und verweigern sich einer Nationalerzählung, die sie ausschließt und verhöhnt. Schwer laborieren nun beide Nationen an ihren Narrativen. Die Briten flüchten sich in einen irrationalen Brexit-Nationalismus, ohne sich auch nur gedanklich aus dem Widerspruch zwischen maximaler Globalisierung und neuer Abschottung befreien zu können. Von der Praxis ganz zu schweigen. In Frankreich wiederum ist der aggressive Le-Pen-Nationalismus nur deswegen zur politischen Nebensache geworden, weil Emmanuel Macron einstweilen das Land in Atem hält. Und nicht, weil das Gift ausgeschieden wurde, es ist noch vorhanden und zersetzt weiterhin die Seelen. Von einem friedlichen Arrangement mit den Algeriern im eigenen Lande ist Frankreich noch immer weit entfernt.