Zählen die wirtschaftlichen Interessen des Agrarkonzerns Monsanto mehr als die Gesundheit von 500 Millionen EU-Bürgern? Das behaupten Kritiker des Pflanzengifts Glyphosat. An diesem Donnerstag soll ein EU-Gremium entscheiden, ob die Genehmigung für Glyphosat Ende dieses Jahres ausläuft oder ob sie verlängert wird. Wie diese Entscheidung ausfällt, stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe der ZEIT noch nicht fest. Doch bis zuletzt warnten Kritiker, die wichtigste Grundlage für diese Entscheidung, ein deutscher Prüfbericht, spiegele einseitig die Interessen Monsantos wider.

Der Streit ist von Bedeutung, weil Glyphosat der weltweit dominante Wirkstoff ist, um Pflanzen abzutöten. Und er ist bedeutend, weil Experten der Weltgesundheitsorganisation zuletzt feststellten, dieser Stoff könne wahrscheinlich Krebs auslösen. Diese Gefahr wollten deutsche Experten nicht wahrhaben, monieren Glyphosat-Kritiker. So sammelte etwa die Kampagnen-Organisation Campact, bekannt durch ihre Massenmobilisierung gegen TTIP, bis zuletzt Unterschriften gegen die Genehmigung von Glyphosat mit dem Hinweis, es verursache wahrscheinlich Krebs. Auf der Website von Campact steht außerdem: "Ein Gutachten des Bundesinstituts für Risikobewertung spricht Glyphosat von dieser Gefahr scheinbar frei – wurde aber in Wahrheit in weiten Teilen bei Monsanto abgeschrieben."

Die Prüfer des BfR, so der Vorwurf, hätten Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto einfach kopiert und das nicht kenntlich gemacht. Das Umweltinstitut München hat deshalb eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht. Und Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt wurde von der taz mit dem Satz zitiert: "Eine Glyphosat-Neuzulassung kann es auf Basis dieser Plagiats-Risikobewertung jetzt nicht mehr geben."

Vertreten also deutsche Experten willfährig die Interessen der Agrarindustrie? Sind sie gar gekauft, wie mancher Glyphosat-Gegner insinuiert? Was ist dran an diesem Vorwurf?

Der konkreteste Beleg sind die von der Industrie angeblich abgekupferten Textpassagen in besagtem Prüfbericht des BfR für die EU. Der Salzburger Medienwissenschaftler Stefan Weber stellt fest, dass in diesem Report in drei Abschnitten Wort für Wort die Argumente und Einschätzungen der Antragsteller übernommen worden seien, ohne das zu kennzeichnen. Weber, der sich als Sachverständiger für Plagiatsprüfung bezeichnet, war von der österreichischen Umweltorganisation Global 2000 mit der Prüfung einiger Auszüge des Reports beauftragt worden. Auf sein Gutachten berufen sich auch Campact und das Umweltinstitut München. Weber zufolge haben sich die Verfasser des Reports einer "bewussten Verschleierung" schuldig gemacht.

Tatsächlich enthält der Report, der 4322 Seiten umfasst, massenhaft Tabellen, Daten und Schlussfolgerungen der Antragsteller. Das ist in diesem Fall die Glyphosate Task Force, eine Arbeitsgemeinschaft von Herstellern, darunter Monsanto. Die Kommentare der Prüfer sind in dem Report in der Regel in kursiver Schrift eingefügt – etwa das Urteil, eine Studie sei nicht valide.

Der Plagiatssachverständige Weber analysierte nach eigenen Angaben allerdings nur drei Unterunterkapitel in einem Anhang, etwa den Abschnitt B.6.6.12. In der Einleitung zum Unterkapitel B.6.6 wird aber ausdrücklich angekündigt und begründet, dass im folgenden Abschnitt lückenlos die Argumente und Schlussfolgerungen der Antragsteller wiedergegeben seien. Nur bei einzelnen Studien finde sich wiederum in kursiver Schrift ein abweichender Kommentar der Behörde. Damit ist für den Leser völlig klar, was von wem stammt. Das Gleiche gilt für einige andere von dem Plagiatsjäger genannte Teile. Diese klärenden Hinweise erwähnt Weber in seinem Gutachten mit keiner Silbe.