Giulia Enders streift sonntags gern durch den Wald, denn sie ist in diesem Herbst unter die Pilzsammler gegangen. Am liebsten mag sie Krause Glucken – bevorzugt mit Sahne, Sherry und Zwiebeln. Auch an nicht essbaren Pilzen findet sie Gefallen. Was sind das für bizarre Wesen, die auf Bäumen, Waldböden, in Kühlschränken und ebenso im Darm gedeihen?

ZEIT Doctor: Warum begeistern Sie sich für Pilze?

Giulia Enders: Ich hatte die Pilze ziemlich unterschätzt. Sie bilden ein eigenes Königreich, sind weder typische Tiere noch Pflanzen. Heute haben wir ja das Zeitalter des Menschen, der die Erde am meisten beeinflusst, aber vor 250 Millionen Jahren gab es das Zeitalter der Pilze. Da haben vor allem die Pilze die Welt bevölkert und alle wichtigen Entscheidungen getroffen.

ZEIT Doctor: Welche Entscheidungen treffen denn Pilze?

Enders: Das war kurz nachdem die Dinosaurier und viele andere Lebewesen ausgelöscht wurden. Da lag viel tote Materie auf der Erde herum. Und die Pilze sind die Herrscher des Kompostierens und Recycelns, praktisch die Dealer zwischen Lebewesen und Welt. Sie können entscheiden, in was sie die Dinge verwandeln, sie können aus Lebewesen wieder Erde machen und aus der Erde wiederum Stoffe, die den Lebewesen dienen. Sie können sogar Dinge abbauen, die Menschen hergestellt haben, wie Pestizide, Papier, Plastik, Benzin oder Toxine aus der Massentierhaltung. Dieses Potenzial nutzen wir leider kaum.

ZEIT Doctor: Und was stellen die Pilze an nützlichen Stoffen her?

Enders: Erst mal sind einige Pilze selbst natürlich essbar, wie manche im Wald oder diese weiße Schicht auf teurer Salami – sie besteht aus einem edlen Lebensmittel-Schimmel. Außerdem kommen von Pilzen wichtige Antibiotika, Enzyme oder Baumaterialien. Lustigerweise hat man durch sie auch eines der Medikamente gegen hohes Cholesterin entdeckt, das Lovastatin, das viele Menschen nehmen. Es entsteht durch einen Schimmel, der roten Reis befällt. Manche Leute sagen, einer der Hauptgründe, warum wir den Regenwald nicht abholzen sollten, sind all die unentdeckten Pilze darin, die lebensrettende Stoffe herstellen könnten.

ZEIT Doctor: Beim Pilz Penicillin ist es so, dass er Bakterien zunichtemacht und uns vor ihnen rettet. Läuft das immer so zwischen Pilzen und Bakterien?

Enders: Das ist ganz unterschiedlich. Wir sehen Pilze, die ihren Platz behaupten wollen und Stoffe herstellen, um Bakterien zu vertreiben. Dann sehen wir auch Pilze und Bakterien, die zusammenarbeiten, oder Bakterien, die Pilze in Schach halten. Solch ein pilzzügelndes Bakterium ist Enterococcus faecalis, der Candida-Pilze milder stimmen kann, die häufig im Darm vorkommen.

ZEIT Doctor: Moment, müssen wir davon ausgehen, dass sich in unserem Inneren permanent Pilze aufhalten?

Enders: Auf jeden Fall! Es ist eine Bedingung, um überhaupt auf dieser Erde leben zu dürfen, dass man Pilzen Toleranz entgegenbringt. Von den Millionen verschiedenen Pilzarten können uns aber nicht mal hundert schaden, mit den anderen kommen wir gut zurecht. Wir haben immer irgendwelche ungefährlichen Pilze auf der Haut, im Darm und in unseren Schleimhäuten. Man schätzt, dass weltweit 50.000 Millionen Tonnen Pilzsporen in der Luft herumfliegen, wir atmen dauernd welche ein. Unsere Körper sind daran gewöhnt, sie haben natürliche Antikörper, die diese Sporen in- und auswendig kennen: Jaja, den Pilz kenn ich, der will immer Plastik abbauen, hier gibt es aber kein Plastik! Und dann schaffen sie den zur Seite. Oder ein Schimmelpilz, der immer Lust auf vergammelte Nahrungsmittel hat, wenn der eingeatmet wird, sagt die Immunzelle, hier gibt es so was nicht, und die Fresszellen in der Lunge machen haps und essen die Sporen auf.

ZEIT Doctor: Die schaden uns Menschen also nicht?

Enders: Meistens erst in dem Moment, in dem es sehr hohe Konzentrationen sind oder unser Immunsystem geschwächt ist. Es gibt immer mehr Menschen mit einem schwachen Immunsystem, Allergien oder Asthma, und die kriegen da schon mal Probleme.

ZEIT Doctor: Halten sich Pilze gern in unserer Umgebung auf? Sind sie an das moderne Leben angepasst?

Enders: Na, einige schon! Die stehen zum Beispiel total auf die angenehme Temperatur im Kühlschrank, reisen mit dem Flugzeug von Australien nach Amerika oder leben gern in modernen Bürogebäuden. Und wenn wir zu oft Antibiotika nehmen und die Bakterien aus unserem Darm vertreiben, freuen sich die Pilze über den ganzen Platz dort. Selbst in Geschirrspülmaschinen gibt es bestimmte Pilze, vor allem an den Gummiabdichtungen.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

ZEIT Doctor: Müssen wir uns da Sorgen machen?

Enders: Nein, die sind auf dem Geschirr oft gar nicht mehr nachweisbar, sie leben einfach nur gern in der Feuchte des Geschirrspülers. Pilze haben generell kein großes Interesse an uns. Das ist beruhigend. Sie gucken immer nur, ob sie irgendwo was recyceln können. Angenommen, jemand leckt seine Spülmaschine ab oder isst ein großes Stück Schimmelkäse, dann würden wir diese Pilze ein, zwei Tage lang in seinem Darm sehen, und dann, schwups, wären sie wieder weg. Die meisten Pilze rutschen einfach durch uns durch. Es sei denn, wir haben durch Krankheit andere Bedingungen: Bestimmte Pilze siedeln sich etwa auf entzündeten Stellen an. Bei Entzündungen im Darm entsteht Zellabfall, und daran sind Pilze wiederum interessiert.

ZEIT Doctor: Gibt es auch freundliche Darmpilze, so wie es nette und nützliche Darmbakterien gibt?

Enders: Klar, da gibt es zum Beispiel Trichosporon mycotoxinivorans, diese Pilze können krebserregende Stoffe aus der Nahrung oder Östrogene aus dem Leitungswasser in unserem Darm abbauen. Andere zerstören Pestizide oder bakterielle Gifte aus dem Essen. Solche Pilze sind tolle Schutzschilde für uns. Rhodotorula-Pilze können sogar gesunde Fette und Vitamin A direkt in unserem Bauch herstellen, und zwar aus Nahrung, aus der wir das sonst nicht gekonnt hätten. Ungefragt und kostenlos, so wie nette Kollegen das eben tun.