Einmal muss er noch zurückfahren. Die Wohnung leer räumen. Dem Vermieter die Schlüssel in die Hand drücken. Dann gibt es nichts mehr, was ihn hier hält. Nichts außer den Erinnerungen an die Stadt, die 16 Jahre lang seine Arbeitsheimat war. So hat er Hildesheim immer genannt. "Ich kann nicht sagen, dass ich nichts bereue", sagt Guido Bausenhart, 64. "Aber mit dem allermeisten bin ich zufrieden, mit dem größten Teil vom Rest einverstanden. Und mit dem wenigen, was dann immer noch übrig bleibt, kann ich leben."

Die Frage nach den letzten Dingen

Vielleicht muss es so klingen, wenn jemand Bilanz zieht, der sich die letzten Jahre seines Berufslebens mit dem beschäftigt hat, was Wissenschaftler als "Eschatologie" bezeichnen: der Frage nach den letzten Dingen. Bausenhart ist Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik, oder vielmehr: Er war es. Vor wenigen Monaten ist er in Rente gegangen, mehr als drei Jahre früher, als es die im Niedersächsischen Hochschulgesetz festgeschriebene reguläre Altersgrenze von 68 vorsieht. So hatte er es geplant, als er sich 2001 auf die Pendelei zwischen Hildesheim und seiner 550 Bahnkilometer entfernten "Familienheimat" Rottenburg am Neckar einließ. Und so hat er es durchgezogen.

Bausenhart ist keiner von jenen, die den viel diskutierten "Flaschenhals" verstopfen. Er hat niemandem den Weg blockiert. Seit Jahren gehört der Flaschenhals zu den Lieblingsthemen der deutschen Wissenschaftspolitik: Nachwuchswissenschaftler stoßen schnell auf ihn, wenn sie von einer Professur träumen. Von der "mangelnden Planbarkeit wissenschaftlicher Karrierewege" sprechen die Hochschulforscher dann: zu wenige Stellen, intransparente Berufungsverfahren und verlorene Zeit. Denn wenn der Traum platzt, ist es für eine Karriere außerhalb der Wissenschaft oft schon zu spät. Ein milliardenschweres "Tenure-Track"-Programm haben Bund und Länder vereinbart, das den Einstieg in die Professur flüssiger machen soll. Wovon kaum einer redet: was eigentlich am anderen Ende der wissenschaftlichen Karriere passiert. Wie erleben Hochschullehrer ihren Ausstieg in Zeiten, in denen alle nur noch vom Nachwuchs reden? Und: Ist jeder alte Professor in Pension ein guter Professor – weil er den Jungen den Weg frei macht?

Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) hat kürzlich nachgewiesen, dass der große Generationswechsel an den Hochschulen bereits Geschichte ist. Waren 2001 noch 21 Prozent aller Professoren älter als 60 Jahre, sank der Anteil bis 2010 auf 13 Prozent und blieb seitdem konstant. Gleichzeitig stieg der Anteil jüngerer Professoren unter 46 von 22 auf zuletzt 28 Prozent. "Verbesserte Beschäftigungsoptionen für jüngere Wissenschaftler entstehen nur noch aus zusätzlichen unbefristeten Stellen", sagt DZHW-Forscher Kolja Briedis. Verstärkt wird die Unbeweglichkeit der Personalstruktur im Flaschenhals durch die Rente mit 67. Die Altersgrenze der Professoren steigt in den meisten Ländern allmählich an, in Niedersachsen liegt sie bereits bei 68 Jahren. Die Profs bleiben also im Schnitt länger, ihre Stellen werden später nachbesetzt. Ein problematischer Trend?

"Dann ging ich auf die 50 zu und habe mich gefragt: Was hast du noch vor mit deinem Leben?"
Guido Bausenhart, Professor für Katholische Theologie

Wenn man Guido Bausenhart nach der Planbarkeit von Karrierewegen fragt, erzählt er, welchen Weg er selbst nahm, bis er auf seiner Professur ankam. Die ersten sechs Jahre nach dem Studium war Bausenhart persönlicher Referent des Rottenburger Bischofs, danach leitete er 16 Jahre lang die Ausbildung der Pastoralreferenten im Bistum. "Und dann ging ich auf die 50 zu und habe mich gefragt: Was hast du noch vor mit deinem Leben?" Er zog seine Habilitation durch und bewarb sich in Hildesheim, einer Uni in der Diaspora. "Mit meinem Werdegang konnte ich nicht wählerisch sein", sagt Bausenhart. Er meint das nicht negativ. Alle seine Studenten waren Lehrämtler, "die konnte ich nicht mit meinen persönlichen Forschungsvorlieben belästigen, da musste ich mich auf das Wesentliche konzentrieren". Was ihm umgekehrt in der Forschung eine große Freiheit gegeben habe.

Als er das erzählt, räumt seine Frau gerade den Mittagstisch ab, im Hintergrund läuft leise Radiomusik. Die vier Kinder sind längst aus dem Haus, sie sind erwachsen geworden in den Jahren, in denen er fast jede Woche in den Zug stieg und erst am Wochenende zurückkehrte. "Transkulturelle Ortsbigamie" habe das mal ein Professorenkollege, ein Geograf, genannt. Das hat Bausenhart gefallen. Einmal ist er nur für eine Sitzung nach Hildesheim gefahren, die dann ausgefallen sei. "Aber ich habe mich nie beschwert", sagt er. "Ich wusste, das ist meine Privatsache mit dem Pendeln, da kann ich nicht maulen."

Er könnte jetzt, da er vorzeitig aufhört, einfach behaupten, er tue das im Interesse der Generationengerechtigkeit. Doch Bausenhart ist keiner, der zur Selbststilisierung neigt. Er sagt, das Hin und Her sei dann zuletzt doch beschwerlich geworden. Und nur weil Niedersachsen, nachdem er schon Professor war, die Altersgrenze hochgesetzt habe, ändere er nicht seine Lebensplanung.

Auch Christina von Braun war schon älter, 50 Jahre, als sie 1994 auf den Lehrstuhl für Kulturtheorie mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität (HU) berufen wurde. Ihr Mann und ihre Kinder blieben in Bonn, und sie blickte zurück auf eine Karriere als Filmemacherin und Buchautorin. In Berlin gründete und leitete sie den deutschlandweit ersten Studiengang Gender Studies, sie wurde Sprecherin des Graduiertenkollegs "Geschlecht als Wissenskategorie". Irgendwann nahte ihr Ruhestand, und das sollte es gewesen sein?