DIE ZEIT: Herr Kollmorgen, plötzlich diskutieren Forscher und Politiker über die Frage, ob es eine Ost-Quote für die Besetzung von Führungspositionen geben sollte. Ist das eine absurde Debatte?

Raj Kollmorgen: Was die Quote betrifft, bin ich selbst skeptisch. Aber die Debatte ist nicht absurd, sondern wichtig. Denn absurd ist der Umstand, dass Ostdeutsche in den maßgeblichen Führungspositionen des vereinten Deutschlands noch deutlich unterrepräsentiert sind. Je höher es geht, desto dünner wird die Luft für Ostdeutsche. Finden Sie mal einen Bundesrichter oder General aus dem Osten. Wir reden da von einer grundsätzlichen sozialen Ungleichheit – und von vergebenen Chancen. Über beides müssen wir reden.

ZEIT: Fangen wir mit der Ungleichheit an.

Kollmorgen: Mal abgesehen von den politischen Eliten, also den Top-Positionen in den Parteien, im Parlament und in der Regierung, finden Sie auf fast allen Gebieten – von der Rechtsprechung bis in die Wissenschaft, von der Verwaltung bis ins Militär oder die Polizei – kaum Ostdeutsche in entscheidenden Funktionen. In diesen Sektoren sprechen wir von Anteilen zwischen ein bis drei Prozent. Bei den Besitz-Eliten, also den Vermögenden und Eigentümern von Großunternehmen, erst recht nicht. Dass 17 Prozent der Leute im Grunde nicht zum Zuge kommen, wenn Spitzen-Jobs zu vergeben sind – das ist für ein Land auf Dauer nicht gut, weil es sich nicht rechtfertigen lässt.

ZEIT: Welche Chance vergibt man sich?

Kollmorgen: In erster Linie die Chance, vom Osten zu lernen. Der Osten ist nach 1990 zu einer Region gesellschaftlicher Alternativen und Innovationen geworden. Hier werden Fragen verhandelt, die dem Westen vielleicht erst in zehn, 20 Jahren begegnen: Wie geht man mit demografischer Entwicklung um? Mit Schrumpfung? Mit geringer Parteienbindung? Das, was hier laborartig ausprobiert wird, findet kaum einen Weg ins Elitenhandeln der Republik. Die westdeutschen Entscheidungsträger bekommen häufig gar nicht mit, welche Innovationen es im Osten gibt, einfach weil die Eliten den Osten kaum im Blick haben oder ihnen die Ostdeutschen suspekt bleiben. Die alternativen Ideen und Perspektiven der Ostdeutschen werden untergebuttert.

ZEIT: Gegen die Quote könnte man einwenden: Das System funktioniert doch auch ohne Ostdeutsche ganz gut.

Kollmorgen: Mit demselben Argument könnten Sie auch das Patriarchat rechtfertigen, das über Jahrhunderte die Frau unterdrückte: Das hat auch funktioniert! Aber es funktionierte auf Kosten der Frauen. Das ist im Fall der Ostdeutschen nicht anders.

ZEIT: Wir haben sogar eine ostdeutsche Bundeskanzlerin.

Kollmorgen: Und Angela Merkels Wahl in dieses Amt ist ein bemerkenswertes Zeichen gewesen. Aber sie ist doch irgendwie eine Ausnahme geblieben. Schauen Sie sich das bisherige Bundeskabinett an: Johanna Wanka ist die letzte verbliebene ostdeutsche Ministerin – und übrigens bis heute die einzige Ostdeutsche, die einmal Ministerin in einem westdeutschen Bundesland war, in Niedersachsen.

ZEIT: Warum dringen Ostdeutsche nicht in Spitzenjobs vor?

Kollmorgen: Die Gründe dafür haben sich verändert. In den Neunzigern hatten wir es vor allem mit Fremdmarginalisierung zu tun – das heißt: Westdeutsche haben, auch weil es an geeigneten Ostdeutschen fehlte, zunächst wie selbstverständlich die Führungspositionen im Osten übernommen. Dann haben sie westdeutsche Nachfolger für ihre Positionen rekrutiert. Da gibt es Macht-Netzwerke, die die Ostdeutschen kleingehalten haben. Aber das ist heute nicht mehr ausschlaggebend.

ZEIT: Sondern?

Kollmorgen: Heute haben wir es in starkem Maße mit einer ostdeutschen Selbstmarginalisierung zu tun. Ostdeutsche Jugendliche sind weniger bereit, den steinigen Weg der Elitenrekrutierung zu gehen als ihre westdeutschen Altersgenossen.

ZEIT: Sie haben keine Lust auf Aufstieg?

Kollmorgen: Ja, aber "Lust" verniedlicht das Problem. Es gibt in vielen Milieus seit den Neunzigern ein Misstrauen gegenüber Eliten, gegenüber den Stürmen eines Aufstiegswettbewerbs, ja gegenüber radikalem Wandel schlechthin. Deshalb haben sich viele Familien ins Private zurückgezogen. Wenn ich Studenten an der Hochschule frage, was sie mal werden wollen, höre ich seit fünfzehn Jahren immer wieder: "Ich will mal in die kommunale Verwaltung. Das ist ein sicherer Job, ich muss nicht wegziehen – und ich tue was Gutes." Wer so was sagt, rüttelt nicht wie weiland Gerhard Schröder am Zaun des Kanzleramts. Daran sehen Sie, dass das Problem nicht eindimensional ist, sondern dass wir über eine Kombination vieler Faktoren reden. Dabei bleibt ein Problem, dass Ostler schnell aus dem Blickfeld geraten, wenn Westler Führungsnachwuchs suchen.

ZEIT: Also brauchen wir eine Ost-Quote!

Kollmorgen: Ich finde die Idee ja charmant, einfach weil sie der Debatte um die Benachteilung Ostdeutscher Schwung verleiht. Allerdings fürchte ich: Das ist gerichtsfest nicht zu machen, weil wir nach 27 Jahren Einheit nicht mehr entscheiden können, wer Ostdeutscher ist. Muss er zehn Jahre im Osten leben? Oder 30 Jahre? Oder im Osten geboren sein? Schon die Frauenquote hat mit großen juristischen Hürden zu kämpfen. Eine Ost-Quote wäre viel schwerer zu haben.

ZEIT: Aber ohne Quote wird’s ja nie was.

Kollmorgen: Wir brauchen vor allem Problembewusstsein. Das ist das Schöne an dieser Debatte, die da gerade ausgebrochen ist: Vielleicht führt sie dazu, dass die Ost-Benachteiligung ins Bewusstsein aller Personalentscheider in Firmen, Unis, Behörden oder Parteien eindringt. Wir brauchen den Vorsatz, dass Leute aus dieser Region Aufstiegschancen erhalten. Und übrigens brauchen wir diesen Vorsatz auch für andere Bevölkerungsgruppen, Migranten zum Beispiel. Vielleicht könnte der Kampf der Ostdeutschen hier auch anderen Minderheiten helfen.