Es ist Sonntagabend, im Stall der Eberstation Stotternheim geht das Licht an und holt Balsam aus dem langen Nachmittagsschlaf. Er liegt auf der Seite und grunzt selbstvergessen, die graublauen Augen werden langsam wacher, bis sie verstehen, was die handtellergroße feuchte Schnauze bereits erschnüffelt hat: Die Menschen sind zurück.

Nebenan, im Labor, wird die computergesteuerte Spermaabfüllanlage hochgefahren, werden Mikroskop und Instrumente sterilisiert, Kühlboxen präpariert. Die letzten Mitarbeiter steigen aus der braun gekachelten Dusche, in der sie sich desinfiziert haben. Balsam weiß schon, was jetzt kommt.

Wenn für Fernsehdeutschland Tatort-Zeit ist, ist für Schweinedeutschland Absamzeit. Jeden Sonntagabend knien im ganzen Land Menschen mit kräftigen Unterarmen neben ausgewählten Ebern, um ihnen möglichst lange Orgasmen zu besorgen.

Jeder hat ja so ein paar Bilder im Kopf von der Schweinehaltung. Überfüllte Ställe, abgeschnittene Schwänze, Klauen auf Spalten. Aber wer weiß schon, wie Schweine "produziert" werden?

Rund 27 Millionen Schweine werden in Deutschland gehalten. 99 Prozent von ihnen wurden per künstliche Befruchtung gezeugt. Das Sperma dafür stammt von kaum mehr als 5.000 Ebern. Sogenannten Spitzenvererbern wie Balsam.

Balsam kam am 12. Februar 2015 auf dem Hof von Eckhard Weber in Streichental in Baden-Württemberg zur Welt und wurde im Alter von sieben Monaten für rund 1.300 Euro an die Besamungsunion Schwein in Stotternheim bei Erfurt verkauft. Zunächst musste er sechs Wochen in Quarantäne verbringen, bekam seine Impfungen, wurde entwurmt, zwei Wochen lang angelernt, sein Sperma analysiert.

Balsam ist nicht unser Essen, er macht es. Pro Jahr zeugt er bis zu 24.000 Nachkommen. Die Firma German Genetic, aus deren Zuchtprogramm er stammt, bewirbt ihn als "Topvererber schlechthin". Balsam ist eines der ganz wenigen Schweine, die nicht kastriert und kupiert werden, die einen Namen bekommen, die nicht gemästet und eingepfercht werden, um noch vor der Geschlechtsreife mit Kohlendioxid betäubt und geschlachtet zu werden.

In Stotternheim werden 157 Eber wie Balsam gehalten. Zusammen zeugen sie pro Jahr bis zu 1,8 Millionen Ferkel. Nicht unwahrscheinlich, dass Sie eins davon schon mal als Schnitzel oder Currywurst auf dem Teller hatten.

Früher suchten Bauern die rosigsten und schönsten männlichen Tiere aus einem Wurf aus, um sie als Deckeber zu halten. Heute wird bei Schweinen mittels DNA-Analysen, Bluttests und wissenschaftlich geleiteter genomischer Selektion bestimmt, wer sein Erbgut weitergeben darf.

Die Schweinezucht ist ein extrem arbeitsteiliger, industrieller Wirtschaftszweig. Es gibt Spermaproduzenten, Ferkelerzeuger, Mastbauern, Schlachter, Zerleger, Transporteure, Verarbeiter, Händler. Ein moderner Stall hat mehr mit einer Autofabrik zu tun als mit einem Bauernhof aus dem Bilderbuch.

Der Prozess der Fortpflanzung ist um all die Unberechenbarkeiten bereinigt worden, die das Verhältnis zwischen Tieren ebenso prägen wie das zwischen Menschen: Eine Sau kann nicht immer trächtig werden. Ein Eber hat nicht immer Lust. Manchmal passt es einfach nicht zusammen. Und manchmal finden sich zwei, obwohl sie nicht das gewünschte Idealbild verkörpern. Beim Versuch, all diese Mängel auszumerzen, ist eine Maschinerie wie aus einem Science-Fiction-Film entstanden: Die Züchter scannen die DNA der Schweine nach 60 verschiedenen Merkmalen.

Balsam wuchtet seinen Körper aus dem Stroh und steht jetzt auf seinen fetten Haxen. Er ist zwei Jahre alt und knapp 300 Kilogramm schwer. Muskelfleischanteil: 66,3 Prozent. Unter seinem kurzen, hellen, struppigen Fell mit den schwarzen Flecken wölben sich pinkfarbene Schinken. Mit zwei Jahren ist ein Schwein theoretisch ausgewachsen. Nach fünf bis sieben Jahren ist Schluss für den Eber mit den begehrten Genen.