Wem die Bekämpfung von sexueller Gewalt tatsächlich ein Anliegen ist, der dürfte in manchen Auswüchsen der MeToo-Debatte ein echtes Ärgernis erblicken. Die schweren Verbrechen, die der Filmproduzent Weinstein mutmaßlich begangen hat, wurden für viele zum Anlass, einmal frei von der Leber weg aufzuschreiben, welche Unerfreulichkeiten einem im tagtäglichen Umgang mit Stars und deutlich weniger bekannten Männern begegnen können: der zu tiefe Blick eines Kollegen, die dumme Anmache in der Kantine, der unverlangt zugesandte Blumenstrauß, schleimige Komplimente, im Suff geschriebene SMS oder auch nur der Umstand, im beruflichen Kontext als schön bezeichnet zu werden, wo es doch um Kompetenz geht.

Wenn bereits derartige Ärgernisse als eklatante Beispiele für Sexismus herhalten sollen, kann er tatsächlich als eine Epidemie gelten; allerdings als eine, vor der uns, wenn überhaupt, nur noch der Heilige Geist retten kann. Wer darauf besteht, vielleicht doch zwischen schweren Verbrechen und Geschmacklosigkeiten zu unterscheiden, gilt als übler Verharmloser des "strukturellen Sexismus". Als wäre es nicht genau umgekehrt: Wer Vergewaltigungsfälle dazu nutzt, seine kleinen Alltagsrechnungen zu begleichen, verharmlost schwere Straftaten. Die Publizistin Katharina Rutschky hat einmal sehr provokant vor einer "Beschwerdekultur" weiblicher Leidensgemeinschaften gewarnt. Diese bewirke, niedrigschwellig angesetzt, kaum etwas, bestenfalls eine zweifelhafte Verkostbarung von Weiblichkeit.

In Bekenntnistexten räsonieren Männer erschüttert über ihre Zoten an der Bar

Die Verharmlosung von Gewalt ist übrigens auch in den grassierenden journalistischen Bekenntnistexten von Männern am Werk – eine völlig neue Textgattung. Männer räsonieren neuerdings mit größter Umständlichkeit über ihre kleinen, peinlichen Verfehlungen, im Tonfall äußerster Erschütterung über ihre Zoten an der Bar, um sich nachträglich zu entschuldigen. Das kommt einer eitlen Grandiositätsfantasie gleich. Der reuige Delinquent signalisiert ja: Schau an, ich kann dich zartes Wesen mit einem kleinen Spruch traumatisieren, ich bin so unfassbar mächtig. Wer die Maßstäbe für Verfehlungen und Verletzungen derart ins Mikrologische verschiebt, fantasiert sich die Frau als allzu leichtes Opfer regelrecht herbei.

So dachte man sich das auch in der Blütezeit des Patriarchats: Die Literatur des 19. Jahrhunderts kennt fast nur Frauen, denen der kleinste verfängliche Blick die schwachen Nerven durchgehen lässt. Die Frau ist das eingeschnürte, hilflose, kleine Objekt und damit ein großes Fest für Männer und ihre Reinheitsfantasien. Ich Tarzan, du Jane! Ich Crampas, du Effi! Frauen finden sich derzeit in Mustern wieder, die wenig mit Emanzipation, dafür viel mit dem gut eingeübten, männlichen Phantasma der verfolgten Unschuld zu tun haben. Man hat jedenfalls selten eine Debatte erlebt, auf die unter Freunden oder in der Familie mit größerem Befremden geblickt wird. Die fiebrige Dramatisierung des Sexismus ist am Ende wohl folgerichtig für den journalistischen Beruf, der noch immer stark von Männern geprägt ist – Männern, die noch das zweifelhafteste Posting mit gierigem Eifer zur Schlagzeile erheben und die sich hinterher nicht nur sprichwörtlich auf die Schenkel klopfen. Es ist bei den Überreizungen der Sexismus-Debatte – anders als manchmal behauptet – nicht etwa Prüderie am Werk, oft auch keine verfeinerte Moral, sondern häufig ein guter Schuss medialer Geilheit.

Der Ruf mancher Männer ist schneller ruiniert, als ein möglicherweise plausibles Dementi ihn noch retten könnte. In Hollywood vernichten zum Teil viele Jahrzehnte zurückliegende Bagatellfälle Schauspielerkarrieren. Der Regisseur Volker Schlöndorff berichtet in dieser Ausgabe darüber ausführlich.

Man hat sich allenthalben darauf verständigt, den strukturellen Sexismus zu bekämpfen. Das ist mehr als berechtigt, denn längst sind chauvinistische Rollenmuster und männerbündlerische Netzwerke nicht ausgestorben. Allzu häufig wird der strukturelle Sexismus aber als eine jede Faser unseres Daseins durchwirkende Allmacht missverstanden, mit der noch die lächerlichste Anmache zum Beweis einer "rape culture" wird. Mit diesem McCarthy-haften Ansatz wird der halbstarke Sprücheklopfer zum Verbrecher, und der Verbrecher ist nur noch ein ausgereifter Sprücheklopfer. Wer diese Kurzschlüsse anzweifelt, ist nicht weltfremd. Und erst recht kein Verharmloser.

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