Es sieht nicht gut aus für den Staat. Wie ein taumelnder Boxer, der nur noch Luftschwinger vollführt, verliert er Runde um Runde gegen Superreiche und Konzerne, die sich geschickt der nationalen Gemeinschaft und ihren Regeln entziehen. Sie sind zu wendig und zu stark.

Wie bei den Steuern. Mit großer Geste wehrten sich die Industrieländer gegen die Steuerflucht schwerreicher Bürger. Sie zwangen die Schweiz dazu, ihr heiliges Bankgeheimnis preiszugeben, stellten andere Oasen an den Pranger und drängten dort umtriebige Banken zum Informationsaustausch. Prominente Übeltäter wie Uli Hoeneß wurden plötzlich verurteilt – vor aller Augen.

Mit ähnlich großem Aufwand wehrt sich Europa gegen die Steuertricks der Industrie. Brüssel geht vor gegen schmutzige Steuerdeals von EU-Ländern mit Apple und Co. Alle internationalen Großunternehmen müssen neuerdings darüber informieren, wie sich ihr Geschäft über die Nationen verteilt. Umsatz, Gewinn, Steuern. Deutschland etwa verlangt eine Übersicht von Land zu Land, um kenntlich zu machen, wohin Profite verschoben wurden. Gebracht haben all diese Anstrengungen so gut wie nichts.

Gabriel Zucman, Steuerforscher an der Universität von Kalifornien in Berkeley, verfolgt die Finanzströme in den Oasen wie kein Zweiter. Steuerflüchtige Europäer mit ein paar Millionen Euro auf dem Konto fänden heute zwar kaum noch eine Bank, die ihnen zu Diensten sei, sagt er. Aber trotzdem wachse das Kapital in den Oasen schneller als die Weltwirtschaft. Denn die Offshore-Industrie umgarne die Superreichen inniger als je zuvor. Für das Geld jener perlenbehangenen 0,01 Prozent werden ganze Ketten von Briefkastenfirmen und allerhand Stiftungen aus dem Boden gestampft, bis kaum noch jemand die Verbindung vom Geld zum Eigentümer zurückverfolgen kann. Dasselbe gilt für die Weltkonzerne.

So gesehen, sind auch die Paradise Papers, die in dieser Woche von der Süddeutschen Zeitung und ihren Medienpartnern öffentlich gemacht wurden, ein Ausweis staatlichen Scheiterns. Fühlt sich Apple in Europa von bescheidenen Steuerlasten bedroht, prüft es rasch den Schritt in die Karibik. Und eine milliardenschwere Industriellenfamilie wie die als Pharmateilhaber bekannt gewordenen Engelhorns betreibt ein noch weit größeres Firmennetz, als den Behörden bisher bekannt war. Alle geben immer nur gerade das zu, was sich nicht mehr verheimlichen lässt.

Nicht besser als den Kämpfern für Steuergerechtigkeit ergeht es den Kartellhütern. Sie müssen zusehen, wie führende Unternehmen einen wachsenden Teil aller Profite an sich ziehen. Sebastian Buckup, der deutsche Programmchef des World Economic Forum, schlägt deshalb Alarm: "Die Gewinne konzentrieren sich." Früher waren es vor allem Banken, die weit über dem Durchschnitt liegende Ergebnisse erzielten, heute verbuchen Digitalunternehmen den Löwenanteil dieser Übergewinne und kaufen für Milliardensummen neue Konkurrenten auf. Schon vor vier Jahren fanden amerikanische Ökonomen heraus, wohin das führt: Die gewinnträchtigsten zehn Prozent der US-Unternehmen waren achtmal so profitabel wie die Unternehmen in der Mitte. Binnen 20 Jahren hatte sich der Abstand mehr als verdoppelt.

Die Konzentration nimmt zu – der Wettbewerb in den meisten Branchen ab. "Es ist vorteilhafter geworden, der Platzhirsch zu sein – und weniger vorteilhaft, neu auf den Markt zu kommen", schreiben die Spitzenforscher am Massachusetts Institute of Technology. Das hat höchst schmerzliche Folgen für die Gesellschaft. Wie das Bonner Forschungsinstitut für die Zukunft der Arbeit mit Blick auf Amerika herausfand, sorgen vor allem Gehaltsunterschiede zwischen den Unternehmen – nicht innerhalb der Firmenhierarchien – dafür, dass die Arbeitseinkommen sich so rasant auseinanderentwickeln: Millionensaläre für die Chefs mögen ärgerlich sein, aber wahre Ungleichheit zwischen den Bürgern erwächst vor allem aus dem Ungleichgewicht unter den Unternehmen.