Dass George Clooney mehr will und auch kann, als gut auszusehen und Charme zu versprühen, hat er mit inzwischen sechs Regiearbeiten nachgewiesen. Dabei standen Showmaster, Journalisten, Sporttrainer, Wahlkampf-Manager oder auch Weltkunstretter im Mittelpunkt von Inszenierungen, die den Mythos vom amerikanischen Heldenleben in ganz unterschiedlichen Epochen und Situationen auf seine Belastbarkeit hin untersuchten. Und nun Suburbicon. Wieder geht es um einen weißen Mann aus der Mittelschicht – aber nur unter anderem. Denn Clooney verweigert diesem Gardner Lodge die führende Rolle nicht einfach, er hat eine solche gar nicht vorgesehen. Heimlicher Held des Geschehens ist vielmehr ein kleiner Junge: Nicky (Noah Jupe), Gardners Sohn. Aus dessen Perspektive, quasi mit den großen Augen und dem noch lückenhaften Verständnis eines Kindes, verfolgt der Zuschauer, wie es sich in einer Siedlung namens Suburbicon denn so lebte in den 1950er Jahren, als ein schmuckes Häuschen im gepflegten Vorort zum Sehnsuchtsziel des weißen Mittelstands wurde.

Der filmtitelgebende Vorort erscheint hier zunächst als durchformatiertes Bilderbuchidyll. Im Stil eines bunten Werbefilms präsentieren sich örtliche Feuerwehr, Polizei und Kirchenchor. Die Frauen putzen auf lauschigen Veranden Gemüse fürs Abendessen, während die Männer den Rasen mähen oder einen verdienten Feierabenddrink genießen und die Söhne Baseball spielen. Für all diese Menschen hat der Briefträger immer ein freundliches Wort. Der cineastisch informierte Zuschauer erwartet indes jederzeit, einen abgetrennten Körperteil auf den perfekt manikürten Grünflächen der Vorgärten zu finden, ganz wie bei David Lynch. Oder wenigstens eine dieser adretten Küchenschürzen, nur eben in Fetzen gerissen. Dass in der bunten Puppenstube auch etwas Bösartiges lauert, scheint jedenfalls gewiss. Und in diesem Fall wird uns Clooney auf zwei Widerwärtigkeiten stoßen: mörderische Gier und Rassismus.

Unerwartet zieht mit den Meyers eine afroamerikanische Familie in die Nachbarschaft, und der Frieden scheint dahin – dieser Handlungsstrang des Films beruht auf einem realen Fall aus dem Jahr 1957 in Levittown, Pennsylvania. Soziale Ängste kommen auf, aus denen Gerüchte werden, denen wiederum miese Taten folgen. Bald versammelt sich der Mob vor dem Grundstück der Meyers. Im Schatten dieser Unruhen operiert, in einem zweiten Handlungsstrang, Gardner Lodge. Vor einigen Nächten haben zwei Einbrecher in seinem Haus gewütet und Gardners querschnittsgelähmte Frau getötet, im Beisein von deren Schwester und von Nicky. Das war schlimm genug für den Jungen, der sich aber zudem nicht erklären kann, warum die Tante jetzt in Papas Bett liegt. Und wieso Papa eines Tages mit blutiger Nase und kaputter Brille von der Arbeit heimkehrt. Hamlet, aber auch Fargo lassen grüßen.

Letzterer mit gutem Grund: Clooneys neuer Film basiert auf einer alten Idee der Coen-Brüder, die am Drehbuch dieser Kriminalkomödie mitgeschrieben haben. In der rasanten Verkettung vieler irrwitziger Zufälle, die sich für die Akteure letztlich als unselig, für jemanden an der Handlungsperipherie aber als glücklich erweist, zeigt sich deutlich die Handschrift von Joel und Ethan Coen. Hinzu fügt Clooney eine überaus zornige Rassismuskritik: Seine Inszenierung der Angriffe auf die Meyers ist derart physisch und bedrängend, dass sie die komödienhaften Elemente seines Films überragt. Mögliche Vorwürfe von Epigonentum in Bezug auf die Coens sind damit obsolet.

Und die Schauspieler? Agieren so brillant wie beunruhigend. Matt Damon verleiht seinem Gardner die autoritäre Körperschwere eines Halunken, der letztlich zu dumm ist für sein perfides Vorhaben, und Julianne Moore arbeitet in der Doppelrolle als Gattin und Schwägerin weiter daran, bloß nicht sympathisch zu wirken. Flankiert werden sie von einem bis in die kleinsten Nebenrollen leidenschaftlich spielenden Ensemble (unter anderem Oscar Isaac als Schadensfallprüfer und Karimah Westbrook als Mrs. Meyer).

Dass George Clooney die Story eines Versicherungsbetrugs mit dem Segregationsdrama koppelt, haben ihm einige US-Kritiker als dramaturgischen Fehler angelastet. Die beiden Handlungsstränge, so hieß es, flössen nicht zusammen. Aber das tun sie am Ende doch – wenn nämlich alles im Chaos endet, was durchaus einige Freiheit eröffnet. Zu erleben, wie hier ein Krimineller einträchtig mit Leuten lebt, die ebenso sprichwörtliche Leichen im Keller haben, wenn sie dem schwarzen Nachbarn das Haus anzünden, mag nicht die subtilste Aussage sein, doch die Verknüpfung von privatem und politischem Fehlverhalten ist auf ihre Art engagiert – und unterhaltsam. Suburbicon ist, wie man so sagt, ein bitterböser Abgesang auf den Amerikanischen Traum, aber letztlich auch Zeugnis des ungebrochenen Kampfes dafür.