Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Jetzt also Katalonien. Nach den Kurden, den Lombarden und den Venetiern haben auch die Katalanen über die Autonomie abgestimmt. Da drängt sich natürlich die Frage auf, ob nicht auch wir Tessiner über die Unabhängigkeit nachdenken sollten.

Als Liberaler liegt mir das Recht auf Selbstbestimmung am Herzen. Und auch wenn jeder Fall anders liegt und individuell betrachtet werden muss, so sind für mich der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit gute Gründe für eine Sezession. Erst recht, wenn daraus kleine Staaten entstehen. Wie uns Konrad Hummler und Franz Jaeger in ihrem Buch Kleinstaat Schweiz – Auslauf- oder Erfolgsmodell? gezeigt haben, sind solche Nationen grundsätzlich friedliebender und weltoffener, weil ihnen schlicht die Macht fehlt, um Kriege zu führen. Häufig werden kleine Staaten auch besser verwaltet und fördern erst noch die Konkurrenz zwischen den Systemen. Dazu kommt: Je kleiner ein Staat ist, je näher die Behörden und Institutionen dem Bürger sind, desto einfacher ist es, sich an den politischen Entscheiden zu beteiligen und gleichzeitig die Bürokratie unter Kontrolle zu haben.

In seinem Klassiker Exit, Voice, and Loyalty, schreibt der deutsch-amerikanische Forscher Albert O. Hirschman, dass die Bürger nicht nur politische und kulturelle Teilhabe besitzen müssten, sondern auch das Recht auf einen exit , also darauf, das Land zu verlassen. Quasi ihre persönliche Sezession. Das erlebte kürzlich auch das Tessin, als 24 der 100 größten Steuerzahler den Kanton verlassen haben – aus Frust über die hohen Vermögensteuern.

Das Abwandern von wohlhabenden Steuerzahlern ist völlig legitim. Und es ist im Interesse aller, weil keine Region aufblüht, bloß weil sie lange genug mit schlecht verwalteten Subventionen und konsequentem Klientelismus am Leben erhalten wird. Kurzum: Wer seine Steuerzahler vergrault, muss sich halt etwas einfallen lassen, damit er anders zu Geld kommt.

Aber wie steht es nun um die Abspaltung des Tessins? Bei all meiner Sympathie für die separatistische Internationale: Wir sind eine winzige Minderheit in einem kleinen Land. Eine Sezession kommt deshalb, natürlich, nicht infrage. Zumal wir 1803 selber beschlossen, frei und gleichzeitig Schweizer zu sein. Niemand hat uns dazu gezwungen. Dank der direkten Demokratie können wir, wie alle Eidgenossen, regelmäßig unsere Meinung in Abstimmungen kundtun. Und manchmal geben die Stimmen unseres Kantons sogar den Ausschlag, ob eine Abstimmung das Ständemehr schafft – oder nicht.

Deshalb gefällt mir auch die Bezeichnung italienische Schweiz nicht. Viel lieber ist mir, wenn man die Tessiner "italienisch sprechende Schweizer" nennt. Schließlich gehören wir dem Land seit über 200 Jahren an; und zu behaupten, unsere Kultur sei italienisch, ist schlicht falsch.

Und anthropologisch gesehen ist die Kultur viel mehr als die Sprache, die man zwischen Airolo und Chiasso spricht. Dazu gehören auch unser Brauchtum, die Art, wie wir erzogen wurden, wie unsere Arbeitswelt funktioniert und natürlich die Geschichte und Mythen. Für die Tessiner Geschichte ist auch das Vierteljahrhundert Faschismus prägend, den wir an der Grenze erlebt haben, von dem wir uns nicht anstecken ließen, der aber einen kulturellen Bruch mit Italien zur Folge hatte.

Ja, wir Tessiner – nicht nur die Kolumnisten unter ihnen – sind bekannt dafür, dass wir uns oft und heftig mit den Bundesbehörden streiten. Etwa weil wir unzufrieden sind, wie unsere Interessen gegenüber Italien vertreten werden. Wir werden uns auch in Zukunft beklagen. Weil es uns auszeichnet als das, was wir sind: ebenbürtige Schweizer – und Teil eines föderalistischen Landes, das uns Freiheit und Unabhängigkeit gewährt.