DIE ZEIT: Herr Hitzlsperger, Sie haben in der ZEIT das erste Mal öffentlich über Ihre Homosexualität gesprochen. Erinnern Sie sich noch, wie Sie sich fühlten, was Ihre größten Befürchtungen waren?

Thomas Hitzlsperger: Ich fühlte mich wie vor einem Sprung vom Zehnmeterturm. Ich habe vorher lange überlegt, jetzt wollte ich springen, aber es war immer noch ein diffuses Gefühl zwischen Unsicherheit und Sorge. Dann bin ich gesprungen. Ich bin eingetaucht – und ohne Verletzungen wieder aufgetaucht.

ZEIT: Viele Menschen hatten Ihnen auf dem Weg zum Sprungturm abgeraten.

Hitzlsperger: Deswegen hat es länger gedauert. Als Fußballprofi ist man seit frühester Jugend umgeben von Beratern, und natürlich fragt man die häufig, bevor man etwas macht. Dabei verliert man das Vertrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit. Deshalb war es wichtig, zu beschließen: Ich mache das trotzdem. Dieses Vertrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit war für mich ein großer Gewinn.

ZEIT: Die Reaktionen waren gewaltig. Welche überraschten Sie am meisten?

Hitzlsperger: Dass ZEIT ONLINE den Ansturm nicht bewältigen konnte, dass der Server zusammengebrochen ist. Im Ernst: Ich hatte mich auf diesen Moment gut vorbereitet, wusste, was ich sagen wollte, hatte mir vorgenommen, anschließend nicht in jede Talkshow zu gehen. Das hat alles gut funktioniert. Die größte Überraschung ist aber wohl, dass ich vier Jahre später über gar keine dramatischen Ereignisse sprechen kann. Sondern hier mit Ihnen sitze und zufrieden bin.

ZEIT: Was viele erwartet hatten, war, dass andere schwule Profis Ihrem Beispiel folgen würden. Das ist nicht passiert. Enttäuscht Sie das?

Hitzlsperger: Ich sehe das nicht so kritisch. Es hat sich vieles verbessert. Vier Jahre später könnte ich nun heiraten oder Kinder adoptieren. Alle, die wie ich über das Thema öffentlich gesprochen haben, haben dazu beigetragen, dass heute ein Großteil der deutschen Bevölkerung sagt: Wir haben kein Problem mit Homosexuellen. Das war vor vier Jahren noch anders. Das ist ein großer Erfolg.

ZEIT: Gilt das auch für die Welt des Fußballs? Sie haben damals von schwulenfeindlichen Kabinensprüchen berichtet, von Homophobie und Machotum, ist das alles vom Tisch?

Hitzlsperger: Hängt von der Situation ab, natürlich gibt es das noch. Aber wenn ich im Raum bin, passiert das ganz selten. Mein Coming-out hat mir Selbstvertrauen gegeben. Und wenn jetzt Leute in meiner Gegenwart blöde Witze machen, tangiert mich das nicht mehr. Das war vorher anders.

ZEIT: Eine Ihrer Sorgen galt möglichen Reaktionen in Ihrer ländlichen Heimat, im Umfeld Ihrer katholisch-wertkonservativen Familie.

Hitzlsperger: Das ist fast erschreckend unspektakulär abgelaufen. Und das meine ich positiv. Ich kam nach Hause, und es war, als wäre nichts gewesen, es hat in unserem Verhältnis nichts verändert.

ZEIT: Erkundigt man sich dort genauso nach Ihrem Lebenspartner wie bei Ihren Brüdern nach deren Lebenspartnerinnen?

Hitzlsperger: Das war von Anfang an sehr entspannt, und es werden nach wie vor alle gleich behandelt.