Halb zehn morgens, ein türkisches Café in Berlin-Schöneberg. Über diesen Regisseur und Theaterintendanten hat man vor unendlich langer Zeit schon so viel geredet – seine legendären Erfolge an der Baracke des Deutschen Theaters liegen zwanzig Jahre zurück, seit nun auch schon achtzehn Jahren leitet er die Schaubühne am Lehniner Platz. Und dann kommt da überraschenderweise gar kein Sechzigjähriger, sondern ein vergleichsweise jung und frisch aussehender Mann an den Cafétisch (Jeansjacke, Reebok-Turnschuhe, die stattliche Körpergröße von 1,98 Meter).

Thomas Ostermeier, Jahrgang 1968, ist der im Ausland erfolgreichste deutsche Theatermacher, gerade war er mit Lars Eidinger und Richard III. auf Gastspiel in New York, sein letzter internationaler Hit war sein Professor Bernhardi (bei Ostermeier eine atemberaubende, auf Pointen und Effekte hin gebaute House of Cards-Inszenierung). Wir reden hier, natürlich, mit einem vor allem in den letzten Jahren von der Kritik Verschmähten: Seine oft etwas plakativen oder broadwayhaften Produktionen brachten ihm den Vorwurf ein, er betreibe Kapitalismuskritik als perfektes kapitalistisches Produkt. Mittlerweile gilt Ostermeier – im Theaterbetrieb immer noch ein hammerhartes Urteil – als Konservativer.

Rühreier à la Turc, mit Tomaten, Paprika, Zwiebeln. Bisschen anplaudern gegen den Verdacht, dass wir einer dieser hämischen Ostermeier-Kritiker sind. Verspürt er auch so eine leichte Nach-Bundestagswahl-Depression?

Na ja. Er halte es schon für unglaublich, dass sich FDP und Grüne in gemeinsamen Sondierungsgesprächen befinden. Derzeit probt Ostermeier Horváths Italienische Nacht von 1931. Deprimiert es ihn, so ein brisantes Stück über den aufkeimenden Faschismus vor einem abgeklärten, vom rechten Zeitgeist doch eh nicht verführbaren Berliner Theaterpublikum zu geben?

Hellwacher Ostermeier, da ist er ganz anderer Meinung: Die bürgerliche Mitte sei ja längst nicht mehr liberal, sondern ganz rechts, beim ehemaligen CDU-Granden Gauland angekommen: "Bei uns sitzen auch Leute im Publikum, die mit der AfD liebäugeln – auch im Ensemble wird die Flüchtlingspolitik kontrovers debattiert." Moment, das ist doch mal eine interessante Auskunft aus einem Innenraum eines Hochkultur-Betriebs!

Dieser Theatermann möchte sich als Ensembleregisseur darstellen, der die Proben mit seinen Schauspielern liebt – also, tun wir ihm den Gefallen. Als Regisseur sei er für seinen harten und fordernden Stil bekannt gewesen, mittlerweile arbeite er viel an sich, mache Yoga und Meditation. Da möchte er jetzt dezidiert nicht lachen, wenn er so was sagt: "Ich möchte wirklich ein besserer Regisseur werden – besser im Sinne von offener, verletzbarer, mitfühlender für meine Schauspieler."

Wir brauchen jetzt, gefühlt, ein Riesenthema, das eher zum Schnaps- als zum Kaffeetrinken passt: Ist älter werden scheiße? "Ist scheiße, ja." Lächelnder Regisseur. Ach echt, ist er mit dem Interviewer einer Meinung, dass Menschen unter 35 automatisch die besseren Künstler sind? Die seien die besseren Künstler, ja. Aber: "Theatermacher sind ja eher keine Künstler, sondern interpretierende, nachgeordnete Kunstschaffende."

Wir schaffen es noch, über die vielleicht wirklich egale Frage zu sprechen, warum er seit Jahren nicht mehr zum Theatertreffen eingeladen wurde (er gibt irgendeine souveräne Antwort). Da sitzt – respektable Zwischenbilanz eines künstlerischen Lebens – ein gleichzeitig sehr erfolgreicher und durchlässiger, im besten Sinn unsicherer Mann. Er muss heute noch entscheiden, ob er eine Gastspielreise in die Türkei mit seinem Ensemble antreten oder absagen soll.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio