Die einen langweilen sich, die anderen nicht. Das unterscheidet, grob verallgemeinert, die Leser von Kriminalromanen von deren Protagonisten. Krimis sollen den Leerlauf überbrücken, der sich ja nach Feierabend oder im Urlaub irgendwann unweigerlich einstellt. Die erfundenen Helden, die den Lesern dann den Atem verschlagen, kennen diesen Zustand gar nicht. Vollauf damit beschäftigt, Schusswaffen zu bedienen, Tresore zu knacken oder vor irgendwem zu fliehen, kämen sie nicht im Traum auf die Idee, ein Buch zur Hand zu nehmen.

Und was unterscheidet Unsere Frau in Pjöngjang von einem gewöhnlichen Krimi? Vor allem, dass es in diesem Roman von Jean Echenoz die Helden sind, die sich in ihrer Gewöhnlichkeit genauso langweilen wie sonst gewöhnliche Krimileser. Auch dass der Erzähler – nicht seine einzige Gemeinheit übrigens – ihnen trotzdem das volle Action-Programm zumutet. Und dass er das vielleicht nur tut, weil er das Erzählen nach Genre-Regeln als einen intellektuellen literarischen Spaß versteht, mit dem sich wunderbar die Zeit vertreiben lässt.

Geiselhaft und gründliche Gehirnwäsche

Unter den Gelangweilten: der Geheimdienstgeneral Bourgeaud, der mit seinen 68 Jahren längst eine ruhige Kugel schieben könnte. Stattdessen lungert er, von der eigenen Behörde vergessen, noch immer in seinem verwitterten Pariser Büro herum. Zwischen Kunstledersesseln, Hängeregistraturen und altertümlichen Computern hat Bourgeaud eine streng geheime Operation ausgetüftelt. Ein letztes Mal will der General demonstrieren, warum er einst als herausragender Spezialist für die "Ein- und Ausschleusung sensibler Personen zu nachrichtendienstlichen Zwecken" galt. Oder die schöne Constance, die nun also von seinen Handlangern entführt wird. Sie reagiert eher entzückt als erschrocken, als ein überraschend attraktiver Typ im Blaumann sie da am helllichten Pariser Tag in den Fond eines Kleintransporters bugsiert. Mit wohligem Erschauern registriert Constance auch den Sarg, in dem sie nun ins Versteck ihrer Geiselnehmer gefahren wird. Der Leser diagnostiziert ihr Stockholm-Syndrom schon im allerfrühesten Stadium.

Wer wie Constance nach Abwechslung giert, kann keine erfüllte Ehe führen. Dabei ist ihrem Mann, dem Schlagerkomponisten Lou Tausk, vor vielen Jahren (mit Constance am Mikrofon) ein kommerzieller Megahit geglückt. Auch international wurde Excessif zum Kracher: Desmesurado, Senza limiti, Perda total, Too Too Too, Reiner Wahnsinn, Abnormaal, Taşkın hießen die Coverversionen des außerdem in Japan, China, Süd- und Nordkorea unvergessenen Schlagers. Nordkorea? Hier greift der Plan des Generals: Nach einer in Geiselhaft vollzogenen gründlichen Gehirnwäsche soll Constance dort eingeschleust und hoffentlich mit offenen Armen empfangen werden. Ein hochrangiger Politkader gilt als ideologischer Wackelkandidat. Den soll Constance verführen, bevor die gemeinsame Flucht in den Westen gelingt. Ist das ein genialer Plan? Zumindest der Roman hält, was er schon im Titel verspricht: Das letzte Buchdrittel spielt in Pjöngjang.

Billige Replik aus der Schlapphut-Welt

Man könnte noch so einiges berichten von den kriminellen Knallchargen, die diese Geschichte bevölkern. Von dem Kidnapper, dessen Gesichtsnarbe in verblüffender Präzision den Umriss von Neuguinea imitiert, dem ehemaligen Bankräuber, der, stets tapfer zum Letzten entschlossen, doch immer wieder durch ein schlimmes Humpeln zurückgehalten wird, oder von Lou Tausks affektiertem Bruder Hubert, einem Staranwalt, der sich zunächst halbherzig in den Entführungsfall seiner Schwägerin einschalten lässt, dann aber heillos in ganz anderen Mafiageschäften verstrickt. Wie sich ungeahnte und weit in die Vergangenheit zurückreichende Querverbindungen zwischen den Figuren ergeben, zeugt ebenso von Echenoz’ erzählerischer Finesse wie der unwiderstehliche Spannungsbogen der Geschichte, die in steter Beschleunigung auf ihr aberwitzig brutales Finale in Nordkorea zusteuert. Da rollen die Köpfe dann wie im Splatterfilm.

Nun darf die große Kunst des 1947 geborenen Prix-Goncourt-Preisträgers Jean Echenoz nicht durch ein naheliegendes Missverständnis beleidigt werden: Dieser Roman lebt nicht von der Handlung. Es geht hier, wie immer bei diesem Schriftsteller, ganz radikal und einzig und allein um die Erzählkunst. Deshalb gehört Unsere Frau in Pjöngjang auch ebenso wenig zur Genre-Literatur wie der Roman Ich gehe jetzt, für den sich der Autor im Konventions-Arsenal des Abenteuerromans bediente. Die Kolportage ist für Echenoz ein Labor, in das er das Versuchskaninchen namens Realismus mit kaum verhohlener Schadenfreude hoppeln lässt. Dazu dienen ihm gebrauchte Formulierungen und Charakterisierungen vom literarischen Grabbeltisch. Wozu, wie Echenoz überzeugend belegt, auch das Abkupfern der Nordkoreaner hervorragend passt: "Constance folgte ihm zu einer Junma-Pyeonghwa-Limousine, der Kopie des südkoreanischen SsangYong Chairman, seinerseits nichts anderes als ein Klon des Mercedes E." Auch der General Bourgeaud erscheint als billige Replik aus der Schlapphut-Welt à la Lino Ventura. Er kaut, wo andere Romanfiguren längst über Smartphones wischen, auf einem Zigarillo der Sorte "Panther" herum.

Echenoz verwandelt den Kriminalroman in ein Gedicht

Als sei es dem Erzähler zwischendurch peinlich, stets nur mit Stoffen aus zweiter Hand zu hausieren, sucht er, halb kleinlaut, halb höflich gespreizt – dabei immer ironisch –, das Zwiegespräch mit dem Leser ("Und jetzt beugen wir uns mal über Constances Gatten, wenn es Ihnen recht ist"). Auf der Baustelle des Erzählens ist bei Jean Echenoz jeder Tag ein Tag der offenen Tür. Sein Erzähler gibt sich erst gar nicht die Mühe, die Lücken zu schließen, die durch realistisches Pastell ohnehin nur kitschig auszufüllen wären.

Eine Ausnahme macht Echenoz ausgerechnet dort, wo es ein vielleicht allzu leichtes Spiel gewesen wäre, auf jeden Realismus zu verzichten: Nordkorea, das ja in westlicher Klischeeperspektive sonst leicht als Land hinter den Spiegeln durchgeht und um literarische Übertreibung geradezu bettelt, sieht im Roman aus, als habe sich der Schriftsteller vor Ort genaueste Recherche-Notizen gemacht. Hat er natürlich nicht. Der Leser erfährt aber (und kann all das durch eine Bildersuche im Internet selbst überprüfen), dass das Yanggakdo-Hotel in Pjöngjang über Bowling-, Billard- und Tischtennishallen verfügt, dass dort Bier der Marke Taedonggang ausgeschenkt wird und dass man im Foyer Safarianzüge kaufen kann, auf dem Zimmer aber auf einen Fernseher verzichten muss. Ähnlich detailliert berichtet der Erzähler, wenn es um Stadtansichten Pjöngjangs oder botanische Bestandsaufnahmen geht. Dass Echenoz (zum Beispiel im Unterschied zu Adam Johnsons gefeiertem Nordkorea-Roman Das geraubte Leben des Waisen Jun Do) gerade da auf literarische Knalleffekte verzichtet, wo sie besonders leicht zu zünden wären, ist Ausweis seiner Noblesse. Oder nur ein mieser Trick? Der Witz könnte sein, dass Paris in diesem Roman bizarrer erscheint als Pjöngjang.

Im heimischen Erzählgefilde genügt Echenoz der skizzenhafte Pinselstrich, der, jenseits aller psychologisierenden Fleißarbeit und aufgetragen in den Primärfarben des billigsten Klischees, ganz eigene Kostbarkeiten erzeugt. Typische Szene in der Bar: "Äußerlich sind diese beiden Frauen das schiere Gegenteil voneinander: Huberts Assistentin ist ganz Lächeln, dichtes Haar und großzügige Anatomie, die Freundin ist zurückhaltend, schmächtig, von einem matten, langen Blond." Großzügige Anatomie, langes Blond: Genüsslich zelebriert Jean Echenoz den vermeintlichen Ennui eines maulfaulen Schriftstellers. Und verwandelt, und darin liegt seine Genialität, den Kriminalroman in ein Gedicht. Dass es so großen Spaß macht, diesen Roman zu lesen, liegt wohl daran, dass man den Spaß spürt, den es gemacht haben muss, ihn zu schreiben.

Jean Echenoz: Unsere Frau in Pjöngjang. Roman; aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel; Hanser Berlin, Berlin 2017; 288 S., 22,– €, als E-Book 16,99 €