Wir erleben den Triumph eines scheinbar universell gültigen Erzählens, das auf Verabredungen mit dem Leser gründet, die vor dem Beginn jeder Lektüre getroffen werden. Dieses Erzählen besteht aus Konvention, Konventionen eines wohlfeilen Realismus ebenso wie denen sogenannter experimenteller Texte. In ihm erfährt der Leser nichts, was er nicht vorher schon wüsste. Die Welt darin ist immer schon eingerichtet. Alle Dinge haben Namen. Zweifel an einer solchen Literatur führen zwingend zu einer Frage, die Schiller 1795 in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen stellte. "Das Zeitalter ist aufgeklärt", heißt es dort, "das heißt, die Kenntnisse sind gefunden und öffentlich preisgegeben, welche hinreichen würden, wenigstens unsre praktischen Grundsätze zu berichtigen. Der Geist der freien Untersuchung hat die Wahnbegriffe zerstreut, welche lange Zeit den Zugang zu der Wahrheit verwehrten, und den Grund unterwühlt, auf welchem Fanatismus und Betrug ihren Thron erbauten. Die Vernunft hat sich von den Täuschungen der Sinne und von einer betrügerischen Sophistik gereinigt." So resümiert Schiller durchaus stolz die Leistungen seiner Epoche, um dann aber zu fragen: "woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind?"

Vielleicht ist Realismus nur ein anderes Wort für die Antwort der Literatur auf diese Frage. Ein Jahr nach dem Ende des Terreur in Frankreich bekennt Friedrich Schiller mit dieser Frage das Scheitern der Aufklärung ein. Und es beerbt der Roman das Theater und Lessings Schule der Menschlichkeit, denn nur er ist in der Lage, aus der Perspektive dessen zu erzählen, der sich schockhaft unter der Guillotine wiederfindet. Dabei ist die Antwort, die der Roman seitdem zu geben versucht, immer eine doppelte. Neben Beschreibungsgenauigkeit und Schilderungssucht, die den Ursachen der Barbarei auf die Spur zu kommen suchen, steht sein Anspruch auf Bildung, ja Heilung des Lesers. "Was", fragt Schiller eindringlich den Herzog von Augustenburg, "war der Mensch, ehe die seelenbildende Kunst ihre Hand an ihn legte? Der trotzigste Egoist unter allen Thiergattungen, und bey aller Anlage zur Freiheit der abhängigste Sinnensklave."

Was ist dieses andere?

Unsozialer als jedes Tier und gefangen im Jetzt. Schillers Bestimmung spricht von Grenzenlosigkeit und Begrenztheit zugleich. Und tatsächlich zeichnet unsere Vorstellung vom Barbaren weniger eine bestimmbare Andersartigkeit als eine unbestimmte Angst aus, weshalb sie sich auch mit der diffusen Vorstellung einer Grenzziehung verknüpft. Keiner Grenze im Sinne der Trennung oder Berührung zweier Territorien oder Sprachen oder Körper, sondern der Grenze zwischen Sprache und Nicht-Sprache, jener Grenze, die zugleich keine Grenze ist, weil sie etwas voneinander zu trennen unternimmt, das kategorial so verschieden ist, dass es gar nicht aneinander grenzen kann. So speist die Figur des Barbaren sich aus der tief empfundenen Differenz, die uns von allem trennt, was außerhalb unserer selbst ist. "Wir sind, weil wir sind", schreibt Schiller, aber "wir empfinden, denken und wollen, weil außer uns noch etwas anderes ist".

Was aber ist dieses andere, was "außer uns" ist, jenseits der Konvention, in der die Welt immer schon eingerichtet und scheinbar alles zur Hand ist? Es ist das, was außer uns ist, wenn wir selbst außer uns sind. Die Philosophie hat von jeher verschiedene Namen dafür, Unvordenkliches heißt es bei Schelling, Nichtidentisches bei Adorno, das Reale bei Lacan. Quentin Meillassoux und andere haben in den letzten Jahren verstärkt über die Vorstellung von Realität nachgedacht, die sich dahinter verbirgt. "Die Welt ist weder ausschließlich die Welt ohne Zuschauer noch ausschließlich die Welt der Zuschauer. Dies ist der neue Realismus", schreibt Markus Gabriel. Ein Realismus wird hier beschworen, der darum weiß, dass "alle Selbstreferenzen und Sprachspiele", wie Joseph Vogl es formuliert, "durch die Vertikalachse des Real-Absoluten oder Absolut-Realen befestigt oder eben gedeckt" sein müssen, sollen unsere Vorstellungen von Welt sich nicht im Konstruktivismus verlieren.

Realität als etwas, das sich entzieht, ist der Literatur vertraut. Auf welche Weise sie sich darauf einlässt, zeigt etwa Erich Auerbach, wenn er in Mimesis, das ja den Untertitel Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur trägt, eindrücklich schildert, wie Homer sich in der Beschreibung von Odysseus’ Rückkehr nach Ithaka als verkleideter Bettler scheinbar ganz in dem nebensächlichen Zeichen verliert, an dem eine alte Magd ihn erkennt. Homer beschreibt nicht einfach die Narbe, die der Held am Oberschenkel trägt, sondern in aller Ausführlichkeit, wie einst bei der Jagd ein furchtbarer Eber ihm die Wunde beibrachte.

Löst man sich einmal davon, Realität immer nur in Relation zum Betrachter zu denken, also als sinnvoll, erscheint Kontingenz. Etwas, das für nichts repräsentativ ist und nicht bedeutend im Wortsinn, nicht notwendig und gerade darin von uneinholbarer Notwendigkeit. In diesem Fall sind das, wie Auerbach herausarbeitet, die Erinnerungen der Magd des Odysseus. Als das Unnötige, das die Handlung aufhält und sich aller Bestimmtheit entzieht, zielen sie gerade ins Innerste der Geschichte.

Auch in Mark Aurels Selbstbetrachtungen gibt es einen Eber. An einer Stelle beschreibt der Philosophenkaiser, "daß auch Erscheinungen, die sich zufällig in den Naturerzeugnissen vorfinden, etwas Reizendes und Anziehendes besitzen. So hat z. B. manchmal das gebackene Brot Risse und Spalten, die zwar der Absicht des Bäckers nicht entspringen, aber doch eine gewisse Annehmlichkeit erregen. So brechen auch die Feigen, wenn sie überreif sind, auf; und den überzeitigen Oliven verleiht gerade die Annäherung der Fäulnis der Frucht etwas besonders Liebliches. Die niederhängenden Ähren, die faltige Stirnhaut des Löwen, der aus des Ebers Rachen triefende Schaum und vieles andere dergestalt ist, an und für sich betrachtet, fern von aller Wohlgestalt, und doch trägt es, weil es zur Natur eines Dinges gehört, mit zu seinem Schmuck bei und macht uns Vergnügen."