Kürzlich dachte ich mir: Krabbel mal raus aus deiner Blase und ruf ein paar YouTube-Videos mit aktuellen Bands auf. "Musik für junge Leute", wie man das früher im Radio nannte. Was soll ich sagen – ich habe es eine Stunde ausgehalten, länger nicht, und danach musste es ein Livekonzert von Alice Cooper sein, dem 69-jährigen Horrorclown.

Warum? Weil das junge Zeug schlecht war? Nein, weil ich alt bin. Dazu stehe ich, und ebendas möchte ich auch meinen Altersgenossen raten.

Die Alten, von denen hier die Rede sein soll, sind über sechzig Jahre alt ... Protest, Protest! Sechzig ist das neue Fünfzig, die Leute sind meist (na ja) kerngesund und (glauben sich) noch immer auf dem Zenit undsoweiter undsofort – geschenkt.

Und gegönnt. Trotzdem ist sechzig eine ganz gute Trennmarke, sage ich als bald 65-Jähriger. Da winkt schon lockend oder drohend die Rente, und das Umfeld kommt einem immer jünger vor. Haben in unserem Betrieb früher auch so viele junge Leute gearbeitet? In meinem Alter hat Cicero sein Buch Über das Alter verfasst. Das Alter, wie er schrieb, "das zwar alle zu erreichen wünschen, sobald sie es aber erreicht haben, anschuldigen".

Sechzig eignet sich auch deshalb als Zäsur, weil es in diesem Alter allmählich peinlich wird, sich adoleszent zu geben. Jeans und Sneakers sind ja noch okay, Hoodies von mir aus auch, aber angesichts mancher Altersgenossen stellt sich mir der Eindruck ein, sie wollten die Zeit zwischen Tretroller und Rollator auf null verringern.

Nur – warum ist das überhaupt peinlich? Dieses Gefühl kommt auf, wenn jemand etwas Unangemessenes tut. Ein Beispiel beschreibt Bertolt Brechts Erzählung Die unwürdige Greisin, in der eine Witwe auf einmal ins Kino und in den Gasthof geht. Das war damals nicht vorgesehen. Man schämte sich ihrer. Lange her, so was.

Dennoch ist nicht jede Rollenzuschreibung schlecht. Beispielsweise gehören Alte nicht auf Skateboards. Und zwar weniger, weil sie für sich und ihre Mitwelt eine Gefahr darstellen würden, sondern aus einem anderen Grund: Das Skateboard ist spätestens durch Bart Simpson zum Symbol jugendlicher Fortbewegung geworden, und wenn Alte es besteigen, lösen sie diesen Symbolgehalt auf. Sie nehmen der Jugend ein Unterscheidungsmerkmal weg, sie verwischen auch ihre eigene Identität als Alte, sie ebnen den Unterschied zwischen Jung und Alt ein. Der aber ist eine der wichtigen, die Gesellschaft ordnenden Dualitäten.

Um die Dialektik von Verändern und Bewahren, von Lernen und Erfahrung, von Unbefangenheit und Vorsicht auszuleben, braucht es Junge und Alte, die daraus ihr je eigenes Spiel machen. Und gerechterweise darf jeder jede Rolle einmal ausfüllen (wenn alles gut geht).

Die beliebte amerikanische Zeichentrickserie Rick and Morty treibt das Wechselspiel von Jung und Alt ins Extrem: Der geniale, sabbernde und rülpsende Wissenschaftler Rick und sein strunzdummer Enkel Morty, der aber eine schöne Seele hat, purzeln durch irrwitzige Abenteuer und wären ohne einander aufgeschmissen. Weil sie so verschieden sind.