Das Eiscafé "Venezia" hat schon vor zwei Jahren geschlossen. Bei "Frau Tulpe", einem ehemaligen Stoffgeschäft, finden Kunstausstellungen statt – als Leerstands-Zwischennutzung. Im ehemaligen "Möbel Kabs" findet man nun auf zwei Etagen die "Preis Oase". Der Secondhandladen "Pick & Weight" war nur ein paar Monate da, die "Depot"-Filiale hat auch schon wieder aufgegeben, stattdessen bietet der "Multi-Store – Alles drin" Glühbirnen für einen Euro und billige Koffer an. Läge die Große Bergstraße irgendwo in Hamburgs Außenbezirken, das Urteil wäre schnell gesprochen, und zwar mit Ausrufezeichen: Diese Fußgängerzone ist im Niedergang begriffen! Hier müsste mal was gemacht werden! Eine Attraktion müsste her, ein populärer Superstore zum Beispiel, der die Menschen anzieht. "Ankermieter" nennen Stadtplaner und Politiker das. Ein Publikumsmagnet.

Das Problem ist: Die Große Bergstraße hat ihn längst, den Publikumsmagneten. Er thront in Blau-Gelb in der Mitte der zugigen Fußgängerzone, die vom Bahnhof Altona bis zum Nobistor nach St. Pauli führt: Ikeas erste deutsche Innenstadtfiliale. Vor acht Jahren, als Bezirkspolitiker stolz verkündeten, man habe den schwedischen Möbelgiganten dazu bewegen können, mitten in Altona das Experiment zu wagen, wurde in der ganzen Stadt über die Große Bergstraße diskutiert. Für die einen war Ikea in Altona ein Menetekel, für die anderen die Erlösung. Die Befürworter – angeführt von lokalen Gewerbetreibenden und Bezirkspolitikern – hofften auf eine umfassende Aufwertung der "Problemzone" Große Bergstraße und darauf, dass Ikea aus der trashigen Einkaufsmeile mit Siebziger-Jahre-Patina eine boomende, moderne Shoppingzone machen werde. Die Gegner – zu denen auch der Autor dieses Artikels zählte – befürchteten, dass Blechlawinen den Stadtteil in ein Verkehrschaos stürzen, dass lokale Geschäfte dem Aufwertungsdruck nicht standhalten würden und Ikea zum Gentrifzierungsturbo würde. Dreieinhalb Jahre nach der Ikea-Eröffnung muss man eingestehen: Die Befürworter hatten recht – und die Gegner auch. Es ist nicht ganz einfach mit der Deutung.

Grundsätzlich sei das schwedische Möbelhaus schon ein Magnet, sagt Birgit Rohde von der Boutique "Marose". Natürlich verlören sich immer mal ein paar Kunden mit blau-gelben Tragetaschen in dem kleinen Laden. "Aber wer durch Ikea durch ist, der ist doch erst mal geschafft." Viel Laufkundschaft bringe das Möbelhaus nicht in ihre Boutique. "Auch wenn man das rational gar nicht begründen kann – seit dem G20 ist es irgendwie schlechter", sagt Rohde. Gleich zweimal vandalierten schwarz vermummte "Zombies", wie Rohde sie nennt, durch die Große Bergstraße. Die Boutique-Besitzerin veranstaltet jetzt freitags After-Work-Salsa-Abende, um neue Klientel in den Laden zu locken.

Das Café Saltkråkan schließt, weil die Laufkundschaft fehlt

Marko Holmberg hat sich anders entschieden. Der Betreiber des Cafés "Saltkråkan" macht nicht weiter. Eröffnet hatte er sein skandinavisch eingerichtetes Lokal in der Hoffnung auf den Ikea-Effekt. Bereits ein Jahr vor der Ankunft des Möbelkonzerns bot er Tunnbröd, Softbröd und Blaubeer-Tarte an. Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt, ein Zettel an der Tür teilt den Gästen mit, dass "wir den Standort in der Großen Bergstraße verlassen werden". Warum? "Weil das hier nach hinten losgeht", sagt Holmberg. "Es kommt zu wenig Laufpublikum." Er fühle sich eingekeilt von Ein-Euro-Shops und "Mistläden". Anfangs sei der Aufschwung durch Ikea spürbar gewesen, aber inzwischen mache ein gutes Geschäft nach dem anderen zu – und werde durch Ramschläden ersetzt. Woran der neue Niedergang liegt? An den Vermietern, meint der enttäuschte Saltkråkan-Betreiber. "Die interessieren sich nicht dafür, dass hier ein vernünftiger Branchenmix zustande kommt. Die wollen bloß möglichst viel Miete kassieren."

Besonders günstig ist sie jedenfalls nicht, die Große Bergstraße. "Seit den ersten Gerüchten, dass Ikea in den Stadtteil kommt, sind die Gewerbemieten hier stark angestiegen", sagt Gülhan Akbaht-Blessing von Unternehmer ohne Grenzen, die viel mit kleinen Unternehmern türkischer Herkunft spricht. Die Folge ist, dass viele Geschäfte nach kurzer Zeit wieder schließen. "Es gibt hier einfach Vermieter, die keinen Bezug zur Realität haben", sagt Akbaht-Blessing. Der Betreiber eines Billigladens – er möchte seinen Namen und den seines Geschäfts nicht in der Zeitung lesen – berichtet, er zahle monatlich 10.000 Euro für 300 Quadratmeter, Lager inklusive.

Das Ikea-Restaurant ist voll, aber die Schlangen an den Möbelkassen sind kurz

Im vergangenen Jahr sind laut Ikea-Angaben 2,8 Millionen Menschen in die Filiale in der Großen Bergstraße gekommen, bis zu 60.000 in der Woche. "Das entspricht einem größeren Ikea-Einrichtungshaus", sagt Filialleiterin Britta Mohr-Rothe. "Es stellt eine hohe Frequenz dar." Das große Geheimnis ist, wie viel Geld die Kunden in der ersten innerstädtischen Ikea-Filiale lassen. Genug, damit sich die 18.000 Quadratmeter Verkaufsfläche lohnen? Das Restaurant im ersten Stock ist immer voll. Doch wer die langen Schlangen an den Kassen der Filialen in Moorfleet und Schnelsen gewohnt ist, wundert sich, wie schnell man in Altona bezahlen kann.

Ist die Filiale an der Großen Bergstraße in Wahrheit eine Stadtteilkantine mit angeschlossenem Möbelbesichtigungsparcours? Ikea selbst macht keine Angaben darüber, wie viel Umsatz in einzelnen Filialen generiert wird – deutschlandweit sind es durchschnittlich 85 Euro pro Ikea-Kunde und Besuch. Wenn man wissen möchte, wie viel die Altonaer Filiale pro Kunde umsetzt, bekommt man freundlich-positive Nullsätze als Antwort. "Wir sind sehr zufrieden", lässt die Filialleiterin schriftlich übermitteln. "Das Konzept ist erfolgreich angenommen worden, und wir sind permanent dabei, es weiterzuentwickeln." Weiterentwickeln könnte auch heißen: abbauen. Das Ikea-Parkhaus ist im Durchschnitt gerade mal zur Hälfte ausgelastet, inzwischen überlegt man im Konzern, einen Teil der Parkflächen aufzugeben.