DIE ZEIT: Eigentlich war die Reihe um Rico und Oskar mit dem dritten Band abgeschlossen. Warum haben Sie nun doch noch ein Buch geschrieben?

Andreas Steinhöfel: Das hat mehrere Gründe. Der dritte Band endet ja damit, dass Ricos Mama schwanger ist. Und da war ich selbst neugierig, was das für ein Kind wird und wie Rico damit umgeht. Ein zweiter Grund ist, dass ich für Die Sendung mit der Maus kleine Rico und Oskar- Trickfilme gemacht habe, in denen es neue Kinder gibt. Ich wollte erzählen, wie die sich kennengelernt haben. Entscheidend war aber, dass ich auf einer Reise in Äthiopien plötzlich Rico in meinem Kopf hatte.

ZEIT: Wie, Rico war in Ihrem Kopf?

Steinhöfel: Das war an einer gigantischen Kreuzung in Addis Abeba. Zig Straßen trafen sternförmig dort zusammen, Aberhunderte Autos fuhren in einem irren Tempo umeinander herum, wir mittendrin – und alles funktionierte super. Doch dann wedelte in der Mitte des Sterns ein Polizist wie wild mit den Armen, und ich hörte plötzlich Rico in meinem Kopf, der sagte: "Ist der bescheuert? Der bringt die ganze Unordnung durcheinander."

ZEIT: Unordnung gibt es in Ihrem neuen Buch auch nicht zu knapp. Die Geschichte spielt zum großen Teil an Heiligabend. Nachdem Rico mit seinem Geschenk wieder zu Hause ankommt, legt ein Schneesturm die komplette Stadt lahm. Wollten Sie ein möglichst wildes Weihnachtsbuch schreiben?

Steinhöfel: Ich wollte gern, dass sich fast die ganze Geschichte im Haus abspielt – so ähnlich wie im ersten Band. Wenn massenweise Personen auf engem Raum herumrennen, die alle ihr eigenes Zeug erledigen wollen, kommt es zwangsläufig zu einigen Zusammenstößen und Unfällen. Wenn Ricos Stiefvater zum Beispiel im Treppenhaus unter dem Weihnachtsbaum begraben wird, und keiner kommt mehr durch oder drüber, dann macht mir das wahnsinnig Spaß. Wenn schon Chaos in der Dieffe 93 ist, weil an Weihnachten so viele Leute auf einem Haufen sind, dann kann man das noch dadurch vergrößern, indem man dafür sorgt, dass sie nicht mehr rauskommen. Dafür brauchte es den Blizzard.

ZEIT: Und mit welchen Erwartungen gehen Sie nun dieses Jahr ins Weihnachtsfest? Muss es mindestens einen solchen Schneesturm geben, damit es nicht zu langweilig wird?

Steinhöfel: Im Gegenteil, wir hocken freiwillig stundenlang drinnen um den Baum herum. Meine Eltern hatten früher ein Taxigeschäft. Als ich Kind war, konnten wir Weihnachten nie als Familie miteinander feiern. Es war zu viel los: Meine Eltern waren immer mit dem Taxi unterwegs, und einer von uns Brüdern saß in der Zentrale. Die Bescherung lief dann irgendwie zwischendurch und nebenher. Deshalb habe ich mich immer nach einem ruhigen und besinnlichen Fest gesehnt, mit einem gemeinsamen Essen und einer schönen langen Bescherung. Und seit 20 Jahren ziehen wir das in meiner Familie nun genau so durch. Ich glaube, manche Leute würden bei uns vor Langeweile sterben, aber wir lieben es.

ZEIT: Werden Sie zumindest ein bisschen Action ins Fest bringen und aus dem neuen Buch vorlesen?

Steinhöfel: (lacht) Um Gottes willen, nein. Ich lese zu Hause nie aus meinen eigenen Büchern. Das will da auch keiner.

ZEIT: Nun wird Rico eine kleine Schwester bekommen – so viel verraten wir jetzt mal vom Ende des Buchs. Kriegt die von Ihnen auch bald eine eigene Buchreihe?

Steinhöfel: (stöhnt) Nee, nee, da müsste ich ja uralt werden, um das alles zu schreiben! Aber ich möchte gern noch einen Rico und Oskar-Band machen. Ich bin nämlich selbst neugierig, wie es mit den neuen Freunden weitergeht. Außerdem mag ich schlicht keine geraden Zahlen: Eine Viererbuchreihe gefällt mir nicht. Aber mit dem fünften Band fang ich nicht gleich an. Ich brauche erst eine richtig gute Idee für die Geschichte. Bis ich die gefunden habe, dauert es bestimmt ein paar Jahre.