Man stelle sich vor, Frau Will macht eine Sendung über die SPD. Der Zuschauer trifft jedoch nicht auf Gabriel oder Nahles und auch nicht auf Streit, sondern auf Leute von der Straße, aber nur solche, die erzählen, warum sie in die SPD eingetreten sind. Dazwischen vielleicht noch jemand vom Ortsverein Recklinghausen, der erklärt, warum die SPD so toll ist. Und warum ihr bitter unrecht geschieht.

Am Sonntag war das Thema bei Anne Will: Sexismus und dessen Bekämpfung. Im Kreise saßen: die Entertainerin Verona Pooth, der 85-jährige Ex-Innenminister Baum (Frauenrechtler aus innerem Antrieb), die Künstleragentin Heike-Melba Fendel, Laura Himmelreich, die 2013 einen Artikel geschrieben hatte, der den FDP-Politiker Rainer Brüderle als Verbalsexisten entlarvte und damit zu Fall brachte, Ursula Schele vom Frauennotruf und Anne Will, die sich diesmal nicht damit begnügte, ihre Meinung bloß mimisch sichtbar zu machen, und auch vor Suggestivfragen ("Haben Sie sich überhaupt belästigt gefühlt, oder wollten Sie eigentlich eher eine Struktur aufzeigen?") nicht zurückschreckte. Diese Besetzung einseitig zu nennen wäre untertrieben. Tugendfragen zur besten Sendezeit. Im angeblich seriösesten Sender der Republik.

Zunächst ging es um Weinstein: Frau Fendel – ihre Künstleragentur vertritt Schwergewichte wie die Schauspieler Matthias Brandt und Maria Furtwängler – stört die Eintracht kurz mit ihrer Vermutung, all die Hollywoodschauspielerinnen hätten über Weinstein erst aus Karrieregründen lange geschwiegen und jetzt aus Karrieregründen plötzlich geredet. Sie vermutet, clevere PR-Strategen im Hintergrund rieten ihren Mandantinnen, rasch auf den fahrenden #MeToo-Zug aufzuspringen. Das kommt allerdings in der Runde nicht gut an. Was naheliegend erscheint, nennt die Frau vom Frauennotruf "absolut absurd", und von da an hat Frau Fendel keinen leichten Stand. Schele konfrontiert sie damit, dass Frauen ja wohl selbst bestimmen dürften, wann sie Vergewaltigungen anzeigen – plötzlich geht es also nicht mehr um Aufdringlichkeiten und Sexismus, sondern um das Verbrechen der Vergewaltigung. Dass die allermeisten Aktricen keineswegs behaupten, der Film-Mogul habe sie vergewaltigt, fällt dabei als Kleinigkeit unter den Tisch. Fendel macht später einen zweiten Fehler und traut sich zu sagen, dass niemandem gedient sei, wenn Kevin Spacey, "einer der besten Schauspieler der Welt", übereilt mit einem Berufsverbot überzogen werde. Damit ist ihre Rolle als Außenseiterin betoniert. Da hilft auch ihr Hinweis nichts, Spacey stehe bislang lediglich unter Verdacht. "Aber das ist doch ein Kinderschänder!", ruft Pooth ins Getümmel.

Eindrucksvoll auch Gerhart Baum. Es müsse gar kein Übergriff sein, wirft er unter allgemeinem Nicken ein: "Gewalt kann auch mit Worten geschehen." Sexismus sei "ein Angriff auf die Menschenwürde". Als er später von Will gefragt wird, ob er es heute "bereue", sich 2013 nicht offen gegen den überführten Herrenwitzler und Parteifreund Brüderle positioniert zu haben, nuschelt Baum bloß etwas von "Parteisolidarität, über die man sich nicht hinwegsetzen wollte und konnte". Offenbar lag ihm die "Menschenwürde" der von Brüderle schmierig angegangenen Journalistin Himmelreich doch nicht so am Herzen.

Der Fall Brüderle wird dem Publikum mit einem Einspieler ins Gedächtnis gerufen, als "Beispiel, wie sich eine Frau wehren kann" (Will). Dann stellt sich aber heraus, dass Frau Himmelreich sich gar nicht als Opfer fühlt und Brüderles Geschwafel über ihre angebliche Oberweite auch nicht als Anmache bewertete ("Er wollte witzig sein und charmant"). Sie habe mit ihrem Text vielmehr demonstrieren wollen, dass der zotige Brüderle "ein Spitzenkandidat ist, der nicht modern genug ist für das Jahr 2013". War das der Grund, warum sie dem alkoholisierten alten Mann in jener Nacht keinen Kinnhaken verpasste, sondern ihn lieber ein Jahr nach dem Vorfall öffentlich moralisch vernichtete? Wollte sie die Nation vor einem solchen Exemplar bewahren?