Gnade ist ein altes Bibelwort, aber auch heute glauben Christen, zur Gnade besonders begabt zu sein. Der Bundespräsident Joachim Gauck predigte deshalb am Reformationstag 2016 über die Notwendigkeit des Gnädigseins: "Es macht sich in unserer Gesellschaft ein Ungeist der Gnadenlosigkeit breit, des Niedermachens, der Selbstgerechtigkeit, der Verachtung – der brandgefährlich ist."

Mit erstaunlicher Gnadenlosigkeit wurde jetzt die Vatikanbotschafterin Annette Schavan in deutschen Zeitungen für unwürdig befunden, Chefin einer großen deutschen Stiftung zu werden. Scharf erinnerte man daran, dass der einstigen Bundesministerin nach Plagiatsvorwürfen der Doktortitel aberkannt worden war. Das stimmt, aber aufhorchen ließ der denunziatorische Ton, in dem gemahnt wurde, die CDU-Politikerin sei eine uneinsichtige Promotionsfälscherin. Manches spricht dafür, dass das rachsüchtige Urteil von Christdemokraten der Stiftung befeuert wurde, weil ihnen die Personalie Schavan politisch unbequem war.

Alles begann wohl Anfang Oktober mit einer Vorstandssitzung der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), mächtige Denkfabrik der CDU. Der Vorsitzende (Hans-Gert Pöttering) erklärte, er wolle nach dem Ende seiner Amtsperiode abermals kandidieren. Der Ehrenvorsitzende der Stiftung (Bernhard Vogel) aber warb hinter den Kulissen – so erzählen es Mitarbeiter der KAS – für einen neuen Vorsitzenden, den bisherigen Stellvertreter (Norbert Lammert). Warum? Weil der langjährige Bundestagspräsident Lammert ein kluger Kopf ist? Oder weil aufkam, Schavan, deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, sei an dem Posten interessiert? Gegen sie hätte Pöttering weit weniger Chancen gehabt als Lammert.

Tatsache ist: Schavans Amtszeit in Rom endet 2018. Zwar hat sie ihr Interesse an der KAS weder bestätigt noch dementiert, intern war jedoch bekannt, dass sie kandidieren wollte, mit dem Segen von Angela Merkel. Letzten Samstag erklärte Schavan plötzlich: Nein, sie stehe für den Posten nicht zur Verfügung. – Warum? Dazu schweigt sie eisern. Auch auf Nachfrage der ZEIT kein Kommentar. Doch offensichtlich wollte sie eine beginnende Schlammschlacht beenden. So warf man ihr vor, sie habe in der KAS Mitarbeiter installiert (dabei konnte sie unmöglich ahnen, dass die KAS eines Tages für sie selbst zur Option werden würde). Auch wurde Schavan eine Netzwerkerin gescholten, so als sei jedes Netzwerk schon Mittel einer Intrige. Es hieß gar, Schavan habe Mitarbeiter der KAS kontaktiert, um deren Zustimmung zur Kandidatur zu gewinnen – was auf Nachfragen der ZEIT jedoch kein Kenner der KAS bestätigte. Es wäre auch höchst ungeschickt gewesen, zumal die Kandidatin von der Kanzlerin protegiert wurde.

An politischem Geschick mangelt es Schavan nun nicht. Die engagierte Katholikin nutzte ihren Sühneposten in Rom nicht nur, um den Reformkurs von Franziskus zu unterstützen. Sie sorgte auch für einvernehmliche Kontakte zwischen dem Papst und deutschen Spitzenpolitikern, voran Merkel. Sie stärkte die deutschen Reformkatholiken und bremste die Bremser. Sie förderte die Gemeinsamkeiten zwischen Katholiken und Protestanten. Man könnte sagen, dass sie den politischen wie christlichen common ground suchte.

Der prominente EKD-Theologe Thies Gundlach sagte am Montag gegenüber der ZEIT : "Die Reformation war 2016 und 2017 in Rom so präsent wie noch nie. Botschafterin Schavan hat zahlreichen Begegnungen und Veranstaltungen den Weg geebnet. Ihre Botschaft war in den vergangenen zwölf Monaten ein ökumenischer Hotspot in Rom. Die EKD dankt Annette Schavan für ihr leidenschaftliches Engagement in der Ökumene." Andere werden ihr nicht danken. Namentlich bei konservativen Katholiken hat Schavan sich durch ihr kirchenpolitisches Agieren Feinde gemacht. Traurig ist, dass der kritische Katholik Norbert Lammert eigentlich ein natürlicher Verbündeter Schavans wäre, wenn es um die Zukunft ihrer Kirche geht. Doch gehören Lammert und Vogel in der CDU zu den konservativen Gegnern der Kanzlerin, Schavan wiederum ist eine der treuesten Verbündeten Merkels. Pech für den Reformkatholizismus. Pech auch für die KAS, die nun zur Bühne eines sehr unchristlichen Politgerangels geworden ist.

Die Kanzlerin habe die Stiftung dominieren wollen, sagen ihre Gegner. Kenner der Stiftung erklären jedoch, nein, im Gegenteil, die Kanzlerin habe zu viel Distanz gewahrt und die Stiftung laufen lassen. Genau deshalb würden sich jetzt so viele Altstipendiaten der KAS klar gegen sie positionieren. Lammert sagte der ZEIT: "Ich habe meine Bereitschaft zur Kandidatur nach einer zunächst internen, dann öffentlichen Auseinandersetzung erklärt, die weder im Interesse der betroffenen Personen noch der Stiftung sein konnte. Und bin damit den Aufforderungen und Erwartungen aus dem Kreis der Mitglieder und des Vorstandes der KAS nachgekommen."

Und nun? Wenn es eine Intrige in der KAS gibt, dann geht es dabei weniger um Schavan als um Merkel. Es zeigt sich, wie gnadenlos Medien auf Politiker und Politiker aufeinander einschlagen. Vielleicht sollten alle jetzt in Gaucks Predigt schauen, da steht: "Wir hätten nichts so nötig wie Gnade, zuerst mit uns selbst." Doch leider sei Gnade heute ein fremdes Wort.