Als der Theatermacher Milo Rau neulich in der ZEIT über sein Weltparlament in der Berliner Schaubühne sprach, kündigte er den Auftritt eines Antinatalisten an. Antinatalisten seien der Ansicht, dass es besser sei, wenn keine Menschen mehr geboren würden. Denn Menschen seien schlecht für den Planeten. Die Ungeborenen sollten deswegen das Recht haben, nicht geboren zu werden. Die Bewegung der Antinatalisten, sagte Rau, sei gar nicht mehr so klein.

Der Antinatalist Théophile de Giraud ist dann auch wirklich in Berlin aufgetreten und hat gesagt, es sei höchste Zeit, die Fortpflanzungstätigkeit des Menschen einzustellen: "hard time to stop the population". Es würden jedes Jahr 173 Millionen Menschen geboren. Es sterben aber nur 58 Millionen im Jahr. So könne es nicht weitergehen. Man müsse die Welt vor den Menschen retten.

Mit anderen Worten: Der Antinatalist kämpft für einen Zustand, den er für sich selbst nicht mehr herstellen, aber anderen angedeihen lassen möchte – das Niedagewesensein. Während die Menschheit sich seit Jahrtausenden dem Fortpflanzungsstolz verschrieben hat (Abraham zeugte Isaak; Isaak zeugte Jakob und so weiter), sieht der Antinatalist das größte Glück, das man seinen Kindern verschaffen kann, darin, nicht geboren zu sein. Milo Rau nannte das vorsichtshalber – eine Extremposition.

Der neue Antinatalismus fällt tatsächlich nicht mehr in die Abteilung des literarischen Daseinsekels. So wie bei Sartre, der 1945 einen Roman schrieb, in dem es um nichts anderes ging als um das vorzeitige Ende einer in allen Farben des Ekels ausgemalten Schwangerschaft. Oder wie bei E. M. Cioran und Michel Houellebecq, deren Ennui am Leben sich noch als feinsinnige Kritik an der verfehlten Schöpfung verbuchen lässt.

Anders die junge Generation der Antinatalisten. Sie hält die Nachkommenslosigkeit für eine absolut notwendige, umweltschonende Maßnahme. Ihre Rechnung geht so: Wer verhindern will, dass die großen Eisplatten in der Westantarktis schmelzen und Sylt und Hamburg im Wasser versinken, muss weniger Menschen produzieren, die gern Rehrücken braten und schöne Sommerabende in der Karibik verbringen. Am allerbesten: überhaupt keine mehr. Sie sind hoffnungsvolle Apokalyptiker. Ihr Lieblingsschriftsteller ist weder Sartre noch Houellebecq. Es ist der verträumte Minimalist Haruki Murakami aus dem fortpflanzungsfaulen Japan. Der antwortet auf die Frage, was dabei herauskomme, wenn immer mehr Kinder gezeugt würden: "Die Landschaft wird nur noch weiter platt gewalzt, das Meer weiter zugeschüttet, es werden immer schnellere Autos gebaut und immer mehr Katzen überfahren. Das kommt dabei heraus."