Roman Mischker ist eine Art Maschinist des Museums. Unter seiner Obhut lagern in sechs Etagen eines ehemaligen Getreidespeichers am alten Hallenser Hafen 16 Millionen Fundstücke der menschlichen Vergangenheit. Wenn einige von ihnen für eine aktuelle Ausstellung gebraucht werden, dann holt er sie hervor und trägt sie zu den Ausstellungsräumen des Landesmuseums. Normalerweise aber sind die Dinge, die das Publikum nicht sieht, bei ihm mehr als nur sicher verwahrt. In Mischkers Archiv wird mit den Fundstücken gearbeitet. Sie bringen die Wissenschaft voran.

Er betreut zum Beispiel die umfangreichste Sammlung von Steinäxten und Beilen aus der Steinzeit. Bei ihm ist die weltweit größte Population von Waldelefanten-Skeletten versammelt – sie grasten vor 120.000 Jahren in der Nähe des heutigen Bitterfeld. Hunderte Regalmeter mit Keramiktöpfen dokumentieren, wie sich der Mensch kulturell weiterentwickelt hat. Und Schwerter en masse bezeugen, wie brutal der Homo sapiens sich bekriegte. Einer der wertvollsten Schätze wartet im dritten Stock des gelben Gebäudes darauf, erforscht zu werden. Kein Münzfund, kein Königsgrab, keine Werkzeuge – "bloß" knöcherne Überreste in grauen Pappkästen. Sie stammen von 11.000 Individuen und erzählen von der jahrtausendelangen Geschichte des Siechtums.

Die Wissenschaftler, die sich dieser Knochen mit Neugier bedienen, sind die Archäogenetiker. Das Archiv des Landesmuseums in Halle ist ihr Himmel auf Erden. Nirgendwo sonst können sie sich in ihrer neuen Wissenschaftsdisziplin, die klassische Archäologie mit moderner Genetik verbindet, so sehr austoben wie hier.

Im Hafengebäude bei Roman Mischker werfen sie einen tiefen Blick in das menschliche Dasein. Anhand der Gebeine lässt sich die Geschichte des Durchschnittsmenschen von der Vorzeit bis in die Moderne erzählen. Wie er gelebt hat, was er gegessen hat und vor allem, welche Krankheiten ihn plagten.

Die Sammlung ist aus zwei Gründen einzigartig. Die Großregion um Halle ist seit Menschengedenken ein begehrter Siedlungsraum. Es gab Rohstoffe in Mengen – Salz, Erz, Holz. Die Gewässer bildeten ein gutes Verkehrsnetz. Wer nicht bleiben wollte oder nur durchzog, dem stand der Weg in alle Richtungen offen. Dadurch begegneten und befruchteten sich hier unterschiedliche Kulturen. Darüber hinaus hat der einzigartige Boden die Skelette vor dem Zerfall geschützt und die DNA darin überdauern lassen – zumindest Fragmente davon.

Fast wöchentlich wird einem Knochen oder Zahn aus der Sammlung eine Probe für eine DNA-Analyse entnommen. "Die Geschichte der Menschheit ist nicht nur die Geschichte der herrschenden Klasse", sagt Johannes Krause, froh darüber, hier am Erbgut ganzer Gesellschaften arbeiten zu können. Dem Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena gelang vor Jahren der Nachweis, dass Neandertaler und Mensch dasselbe Sprachgen teilen. Außerdem unterzog er Knochen, die aufgrund ihrer Form niemandem als etwas Besonderes aufgefallen waren, einer genetischen Analyse. Dabei entdeckte er, dass es eine weitere, bislang unbekannte Menschenform gegeben haben muss: den Denisova-Menschen. Johannes Krause ist Dauergast in Halle. Seine Mission: "Wir wollen den Menschen, die ihre Erlebnisse nicht niederschreiben konnten, mit naturwissenschaftlichen Methoden eine Stimme geben."

Vor allem das Studium historischer Krankheiten beschäftigt Krause. Er leitet das vom Europäischen Forschungsrat mit 1,5 Millionen Euro geförderte Projekt "Genetische Untersuchung der Erregerstämme historischer Pandemien". Die Genetik zeigt, dass ohne Seuchen das Menschengeschlecht nie geworden wäre, was es ist. "Der Kampf gegen Krankheiten, insbesondere Infektionen, war ein sehr wichtiger evolutionärer Faktor", stellte der britische Biologe John Burdon Sanderson Haldane bereits 1949 fest. Doch erst heute gibt es das molekularbiologische Instrumentarium, um diese Wechselwirkung zu verfolgen.

Früher warf man Knochen oft weg. Die neue Devise: Alles aufbewahren!

"Kommen Sie mit!", sagt Krause und lädt mit Alfred Reichenberger, dem stellvertretenden Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt, zum Rundgang durch das Hallenser Museum. Die Menschheitsgeschichte beginnt hier mit dem 370.000 Jahre alten Homo erectus bilzingslebensis, der in den 1970er Jahren im thüringischen Bilzingsleben ausgegraben wurde. Vor allem Zähne sind von diesem Vertreter unserer Gattung übrig geblieben. Und auf alte Zähne stützt Krause seine Aussagen über die damalige Zeit besonders gern. Denn an den Zahnwurzeln haftet mitunter noch eingetrocknetes Blut mit dem Erbgut seines Eigentümers. Mit etwas Glück findet sich sogar, was der moderne Mensch regelmäßig vom Zahnarzt beseitigen lässt: Zahnstein.

In den dentalen Ablagerungen überdauern Bakterienreste mitunter Jahrtausende. Um sie mit heutigen Mikroben im Mundraum zu vergleichen, kümmert sich Johannes Krause persönlich um modernes Referenzmaterial: "Wenn ich zum Zahnarzt gehe, dann gibt er mir meinen Zahnstein abgefüllt mit."

Jeder Mensch weist seinen eigenen Mix an Bakterien auf. Dieser spiegelt die individuelle Darmflora wider. Das sogenannte Mikrobiom ist nicht nur typisch für jedes Individuum, sondern auch für die Epoche, in der es lebte. Zürcher Wissenschaftler entdeckten in Dalheim bei Paderborn in mittelalterlichem Zahnstein sowohl Parodontitis- und Karieskeime als auch Bakterien, die gegen Antibiotika resistent waren – und dies mehr als 800 Jahre vor der Entdeckung des Penizillins.