Das Stück war dreckig, verkalkt und kleiner als der Dotter eines Spiegeleis. Die Archäologen, die vor zwei Jahren in Pylos auf der griechischen Halbinsel Peloponnes die Schätze eines alten Grabes freilegten, schoben daher das unscheinbare Etwas erst einmal zur Seite. Sie hatten Wichtigeres zu tun und Wertvolleres zu bergen – dachten sie zumindest.

3.000 Fundstücke förderten sie ans Licht. Besonders beeindruckten sie die Goldringe, die silbernen Trinkbecher. Sie bestaunten die Kämme aus Elfenbein, das Bronzeschwert. Diese Dinge, die einem mykenischen Krieger vor 3.500 Jahren bei der Bestattung ins Jenseits mitgegeben wurden, waren Preziosen, keine Frage.

Heute wissen die Forscher jedoch: Die Waffen und das Geschmeide aus dem Grab sind nicht viel mehr als Tand im Vergleich zu dem damals beiseitegelegten ovalen Stein. Denn was unter der Verkrustung zum Vorschein kam, ist laut Kulturministerium der bedeutendste Fund in Griechenland seit mehr als einem halben Jahrhundert. Eine erstaunliche Aussage über ein 3,6 Zentimeter kleines Siegel aus Achat.

In der US-Zeitschrift Hesperia beschreiben die Archäologen Jack Davis und Sharon Stocker von der Universität Cincinnati, wie ihnen erst beim Putzen, dann beim Abzeichnen und schließlich beim Fotografieren dämmerte, "dass wir ein Meisterwerk ausgegraben hatten". In der Szene auf dem Stein erkannten sie einen Krieger im Kampf mit zwei Gegnern – einer geschlagen am Boden, der zweite wird gerade mit finalem Dolchstoß niedergestreckt.

Alle drei Körper und deren Muskulatur sind so detailliert gezeichnet, dass das Stück nicht aus der Zeit zu stammen scheint, in der es geschaffen wurde. Details seien nur "mit der Lupe oder dem Mikroskop" zu erkennen, sagt Stocker, aber kaum mit bloßem Auge. "So etwas findet man erst 1.000 Jahre später in der griechischen Klassik wieder." Eine solche Qualität hätte den Minoern "niemand zugetraut", ergänzt ihr Kollege Davis.