Warum ICEs in Aschaffenburg halten, anstatt die knapp einstündige Strecke zwischen Frankfurt/Main und Würzburg in einem Rutsch zu nehmen, weiß niemand. Manche glauben, es sei der Dank der Bahn für den kürzlichen Neubau des Bahnhofs. Andere vermuten, dass Aschaffenburg überhaupt nur gegründet worden sei, um Schaffnern und Fahrgästen eine Rauchpause zu ermöglichen. Wie auch immer: Die ICEs halten, genau zweistündlich; und angenommen, Ihre Zigarette war zu lang und Sie haben den Wiedereinstieg verpasst, dann müssen Sie sich keinesfalls grämen.

Denn direkt gegenüber vom Bahnhof beginnt die Frohsinnstraße. Die bringt Sie ziemlich geradewegs in die Einkaufs- und historische Altstadt, und hier fragen Sie nach der größten und zu Recht bekanntesten Attraktion Aschaffenburgs: dem Schloss Johannisburg. Anfang des 17. Jahrhunderts ließen größenwahnsinnige Mainzer Kurfürsten und Erzbischöfe es als riesige Renaissance-Residenz am Mainufer errichten. Die vier rotsandsteinernen Gebäudeflügel bringen es auf vierhundert Zimmer.

Das Schloss kennen alle siebzigtausend Aschaffenburger, und sollten Sie die Wegbeschreibung nicht verstehen, weil Sie den untermainländischen Dialekt nicht beherrschen, dann laufen Sie den Leuten einfach hinterher. Denn alle Aschaffenburger zieht es wie von Zauberhand fast pausenlos zum Schloss, genauer: zur vorgelagerten Gastwirtschaft mit Namen Schlappeseppel.

Von hier aus sieht man das Schloss, ohne hineinzumüssen. Sie sind also hoher Baukunst ganz nah und können zugleich tiefe Schlucke unterfränkischer Braukunst nehmen. Falls Sie den Blick ein zweites Mal vom Glas lösen möchten, erkennen Sie in der scharfen, klaren Luft die Baumwipfel der nicht minder nahen Mainauen. Die Wirtschaft ist ein magischer Ort, die klassische Seele der Stadt: Gut ist das Bier, wahr die Natur, und schön ist, dass man sich den gecken Machtbau derart bekömmlich sparen kann.

Nach einer halben Stunde und einem halben Liter erheben Sie sich bitte, denn noch haben Sie weder den zweiarmigen Lauf des Mains gesehen noch ein weiteres lustiges Bauwerk: das Pompejanum. Kaum fünf Minuten ist es vom Schlossbier entfernt; unterwegs überqueren Sie einen ebenen kleinen Geröllplatz und könnten, hätten Sie Zeit, dem bekannten Zeichnerduo Greser & Lenz beim Boulen zusehen. Sie müssen aber weiter, schließlich wurde das Pompejanum extra für Außenstehende wie Sie gebaut. Der bayerische König Ludwig I. ließ es im antiketrunkenen 19. Jahrhundert errichten, als Lehrmodell einer römischen Villa. Seitdem strahlt es gelb wie eine Zitrone vom Hochmainufer hinunter aufs Volk. Das war auf den reaktionären König damals nicht gut zu sprechen; vielleicht ein Grund dafür, dass in Aschaffenburg nun seit Längerem ein Herzog regiert: Klaus Herzog (SPD).

Den nun beginnenden Rückweg zum Bahnhof unterbrechen Sie für einen halbstündigen Besuch des Naturkundemuseums in der Wermbachstraße. Im ehemaligen Stadtpalais derer von Schönborn residieren heute statt barocker Regionaladeliger zeitlose Krabbel- und Flatterinsekten aus aller Welt, und zumal die Wanzensammlung ist sagenhaft. Hoffentlich haben Sie noch nie so viele Wanzen auf einmal gesehen! Es sind Hunderte, wenn nicht Tausende, und so könnten Sie die letzte Viertelstunde Fußweg mit der Überlegung verbringen, wie viele von ihnen wohl in den Strohmatten lebten, auf denen die Erbauer von Schloss und Pompejanum schlafen mussten. Besser aber, Sie rauchen. Damit Sie den Zug nicht wieder verpassen.