Spätestens als der Religionslehrer ruft: "Spielen wir noch eine Runde Sexsalat!", ist den Siebtklässlern am Gymnasium Grootmoor in Hamburg-Bramfeld klar: So eine Woche werden sie nicht noch einmal erleben. Eine Woche ohne Physik, ohne Mathe, ohne Klassenarbeiten, ohne Noten. Fünf Tage mit Lehrern, die milde, manchmal unsicher lächeln, behutsam reden, ihren Schülern sagen: "Klappt die Ohren auf oder zu, ganz wie ihr wollt." Fünf Tage voller Gespräche über Freundschaft, Verliebtsein, Pubertät und Schwangerschaft mit lustigen und – als die aufgeblasenen Kondome durchs Klassenzimmer segeln – auch seltsamen Momenten.

Jedes Jahr im Herbst veranstaltet das Gymnasium Grootmoor für den gesamten siebten Jahrgang eine Projektwoche zur Sexualerziehung. Alle Klassenlehrer sind dafür in der Verantwortung, egal, welches Fach sie sonst unterrichten. Widerstand bleibt da nicht aus. Lars Kruse, 46, zuständig für Deutsch und Religion, sagt: "Viele kostet das am Anfang schon Überwindung."

Am Montag ging es los mit Wörtersammeln: "Was fällt euch ein zu Freundschaft, Liebe, Sexualität?" Viel. Drei große Papierbogen haben die 11- bis 13-Jährigen beschrieben: Liebeskummer, Fingern, Schreien, Masturbieren, Schmerz, Klitoris, Scheidung, One-Night-Stand, Spanner, Dildo, Blutflecken. Die Blätter dienen nun als Wanddekoration. Für die beiden Lehrer Dörte Cornils und Lars Kruse sind sie eine Art Landkarte, auf der sie sich die Woche über bewegen werden. Jedenfalls wissen sie nun, wie und worüber ihre Schüler sprechen, auch wenn das noch wenig über deren Erfahrungen verrät. "Unsere Schüler sind absolut unterschiedlich in ihrer Entwicklung. Für manche kommt das Thema viel zu früh, für andere wird es allerhöchste Zeit", sagt die 51-jährige Bio-Lehrerin Dörte Cornils. Später steht sie an der Tafel und lässt sich von den Kindern Wörter für die Geschlechtsorgane diktieren: Schwanz, Penis, Gurke, Gartenschlauch, Rakete, Spritzgerät. Dann übernimmt Kruse und schreibt: Muschi, Schlitz, Vagina, Fotze, Pussy, Möse.

Es gehe darum, eine angemessene Sprache zu finden, sagen die Lehrer den Schülern, mit der man gut über die Woche komme: Nach einigen Diskussionen einigt sich die Klasse auf Penis und Vagina.

Was ist das eigentlich: guter Sexualkunde-Unterricht? Die Frage ist in Deutschland wieder brisant geworden, sie berührt weit über das Biologische hinaus politische, kulturelle und religiöse Vorstellungen und macht vor Skandalen nicht halt. In rechtskonservativen, islamischen und katholischen Kreisen herrscht nicht selten die Meinung, es wäre am besten, man spräche mit Kindern und Jugendlichen gar nicht über Sex. Jedenfalls nicht in der Schule. 67 Prozent der Gesamtbevölkerung sind laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov von 2015 gegen einen Sexualkunde-Unterricht, der bereits in der Grundschule beginnt.

Die Aufregung liegt in der Natur der Sache. Sexualität gehört zum Innersten des Menschen. Und doch ist es ein Missverständnis, sie als reine Privatangelegenheit zu betrachten, denn mit dem Begriff ist weit mehr gemeint als das Liebesspiel rund um die Fortpflanzung. Sexualität ist mit Identitätsfragen verknüpft, mit Ethik, Macht und Missbrauch. Nicht zuletzt ist sie auch ein politisches Thema, weil es bei Sexualität immer um das Zusammenleben geht, also um gesellschaftliche Vorstellungen. Dies gilt umso mehr in Zeiten des Wandels. Während derzeit sexuelle Minderheiten mehr denn je auf ihre Rechte drängen, fürchten Konservative um Familie und Moral. Sie klagen über hohe Scheidungsraten, chaotische Patchworkmodelle und Technologien, die mit Wisch-und-weg-Apps wie Tinder aus der Partnersuche eine Fleischbeschau machen. Dazwischen befinden sich die Kinder, für die alle nur das Beste wollen: seelische Unversehrtheit, liebevolle Beziehungen und eine erfüllte Sexualität. Über den Weg dahin ist ein heftiger Streit entbrannt. Die Vorstellungen prallen aufeinander. Und die Schule wird dabei zum Schlachtfeld.

In der Pause schnell noch einen Porno gucken? Das kommt vor

In Deutschland ist es seit fast 50 Jahren Konsens, dass der Staat die Eltern bei der Sexualerziehung unterstützen soll. 1968 hat die Kultusministerkonferenz (KMK) erstmals "Empfehlungen zur Sexualerziehung an Schulen" beschlossen. 1977 hat das Bundesverfassungsgericht diesen Erziehungsauftrag der Schule bestätigt und darauf hingewiesen, dass der Unterricht frei von Indoktrination und offen sein müsse für unterschiedliche religiöse und weltanschauliche Überzeugungen.

Einig ist man sich auch heute noch, dass es bei der Sexualerziehung neben rein biologischen Vorgängen um Schwangerschaft, Verhütung, Familiengründung, Partnerschaft und Geschlechtskrankheiten gehen müsse. Doch die Zeiten sind andere geworden. Die sexuelle Reizüberflutung hat Kinder und Jugendliche längst erreicht. Die Sexualaufklärung muss nun auch auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren.

In Zeiten, da die Hälfte der zwölfjährigen Mädchen über Gewichtsprobleme klagt, in denen Medien und Werbung Heranwachsende mit sexualisierten Schönheitsidealen und Modevorschriften bombardieren, in denen im Netz über die Gleichwertigkeit der Geschlechter gestritten wird, soll es in der Sexualerziehung nun auch um Körperwahrnehmung und Selbstbestimmung gehen.

In Zeiten, da – jüngsten Studien der Universitäten Hohenheim und Münster zufolge – bereits ein Drittel der 14- und 15-Jährigen angibt, "Hardcore-Pornografie mit entblößten Geschlechtsteilen" gesehen zu haben, verlangt man von den Lehrern zusätzlich eine Art "Pornokompetenz".

In Zeiten, da Homosexuelle heiraten und Kinder adoptieren dürfen, fordern viele eine Erweiterung der Aufklärung in Richtung sexuelle Vielfalt. Schüler sollten sich auskennen mit Liebes- und Lebensformen jenseits der heterosexuellen Normen. Mit Homosexualität, Inter- und Transsexualität und dem "dritten Geschlecht", das laut Bundesverfassungsgericht zukünftig ins Geburtenregister übernommen werden muss.