Nein, sie wollte keinesfalls nach Deutschland kommen, ins Land der Täter. Als sie sich dann Anfang 1964 von dem Göttinger Theaterchef Hans-Gunther Klein, der sie im Pariser Écluse hatte singen hören, doch überreden ließ (die Studenten wollen Sie hören!), da gaben ihr, kaum war sie nach Göttingen angereist, die widrigen Umstände recht: Auf der Bühne des Jungen Theaters stand an jenem Juliabend 1964 der schwarze Salonflügel nicht, den Klein der Sängerin Barbara zugesagt hatte. Da stand nur ein altes Monstrum, unspielbar. Tags zuvor waren die Klaviertransporteure in Streik getreten. Barbara schien umsonst angereist, saß wie erstorben vor der Bühne. Nein, sagte sie, ich trete nicht auf.

Wer, wenn nicht der Göttinger Wallstein Verlag, zehn Minuten zu Fuß von jenem Jungen Theater gelegen, sollte heute die Memoiren der Chansonnière Barbara, in denen sie diese Geschichte erzählt, in deutscher Übersetzung herausbringen? Nun hat dieser Verlag sie zum 20. Todestag der Künstlerin vorgelegt. Die Erinnerungen der Sängerin, die am 24. November 1997 mit 67 Jahren starb, sind unvollendet geblieben, sie bilden über Passagen hinweg ein Gewebe verdichteter Stichworte, Sätze wie Lebenskristalle, unautorisiert. Doch manche der zentralen Episoden dieser Biografie hat Barbara in den Memoiren bereits auserzählt. Die Göttingen-Geschichte gehört dazu.

Sie ist zu einem Mythos geworden, hat es als Versöhnungs-Ikone in die Politiker-Reden geschafft, und mit Grund: Denn jener Juliabend ging anders aus als erwartet. Zehn Studenten liehen bei einer alten Dame einen Salonflügel aus und trugen ihn eilends durch die Stadt bis auf die Bühne. Gegen 22 Uhr begann das Konzert. Umjubelt. Und Barbara blieb, blieb länger, ließ sich das Haus der Brüder Grimm zeigen, komponierte im Theatergarten ein kleines Lied, in ihrem Konzert zum Abschied aus der Stadt hat sie es gesungen: Göttingen. Es handelt davon, dass jedes märchenhafte "Es war einmal" der Kindheit in Göttingen seinen Anfang habe. Und von dem einen Wunsch, dass nie wieder Krieg sein möge, weil es Menschen in Göttingen gebe, die sie liebe. Diese blonden Kinder, die sie anlächelten, wenn sie ihr, der Französin, nichts zu sagen wüssten. Diese Geschichtsstudenten! Die Melancholie der kleinen Stadt. Mit Barbaras Lied ging in Göttingen der Krieg zu Ende.

Nichts aber berichtet der Mythos von der Biografie des jüdischen Kindes, das Barbara im Krieg war, und diese traumatische Geschichte erzählt nun ihr Buch: die Jahre des familiären Nomadenlebens in wechselnden Verstecken und provisorischen Unterkünften, auf der Flucht vor den Deutschen, mittellos, der Vater vergreift sich an ihr, der zehnjährigen Tochter, er verschwindet 1949 aus der Familie, spurlos, und auch die Tochter bricht auf, ins Unbestimmte, zieht durch die Clubs, oft hungernd, einmal zur Prostitution entschlossen. Sie wird vom Zufall gerettet, nur eines weiß sie in jedem Moment: Sie will singen. Sie wird singen. Die Erinnerungen dieses Lebens, das Schonung und Verschontsein nicht kannte, münden in Worten über das Glück. Sie sind wie ein Schock.

Barbara: Es war einmal ein schwarzes Klavier ...Unvollendete Memoiren; hrsg. v. Andrea Knigge; a. d. Frz. v. Annette Casasus; Wallstein Verlag, Göttingen 2017; 200 S., 18,90 €