Blattläuse und Ameisen krabbeln meist unbemerkt in der Wiese herum. Kaum jemand ahnt, was sich an den Grashalmen Spektakuläres abspielt, wenn die beiden sich zusammentun: Streichelt die Ameise nämlich mit ihren Vorderbeinen die Laus, dann pieselt diese einen süßen Saft. Den trinkt die Ameise, und als Dank beschützt sie die Blattlaus vor ihrem Feind, dem Marienkäfer. So spannend können Insekten sein, wenn die Kinderbuchautorin Bibi Dumon Tak von ihnen erzählt.

Bibi (Kinder dürfen die Niederländerin beim Vornamen nennen) schreibt so, dass man das Gefühl hat, mit ihr im Gras zu sitzen und das Gekrabbel zu beobachten. Wenn der griechische Junge Mikis sich um seine verletzte Eselin kümmert, ist es, als säße man direkt neben den beiden unter einem Olivenbaum. Und wenn die Hündin Mika stirbt, spürt man einen Kloß im Hals. Bibi klingt wie eine Freundin, die begeistert berichtet, was sie gerade herausgefunden hat.

"Ich beschäftige mich 24 Stunden am Tag mit Tieren", erzählt die Autorin. "Schon als Kind hatte ich dauernd welche um mich." Sie lebte damals zwar in einer Wohnung in der Stadt, trotzdem war dort Platz für Hunde, Katzen und Goldfische, und im Garten liefen Hühner und Goldfasane herum. Besuchte Bibi ihren Vater auf dem Land, hatte sie Gesellschaft von 30 Kühen.

Heute ist Bibi 52 Jahre alt, aber eines hat sich nicht geändert: Unter Tieren entspannt sie sich. "Ich bin sehr zappelig, zwischen Tieren werde ich ruhig." Sie fühle sich dann stärker und selbstbewusster, sagt Bibi: "Ich kann dann sein, wie ich wirklich bin, und muss niemandem etwas vorspielen."

Genau wie viele Kinder heute träumte Bibi als Mädchen davon, Tierärztin zu werden. Doch in der Schulzeit fielen ihr die Fächer Mathematik und Biologie schwer. Und die braucht man für ein Medizinstudium. "Ich hatte eher ein Gehirn für Sprache und Geschichten", erinnert sich Bibi. Das studierte sie dann auch und brachte eine Zeit lang ausländischen Studenten Niederländisch bei. Später schrieb sie für eine Zeitung. Und als sie gebeten wurde, auch Texte für eine Kinderzeitung zu verfassen, wusste sie: Das ist es, was ich wirklich machen will.

17 Bücher für Kinder sind inzwischen von Bibi Dumon Tak erschienen, auf Deutsch kann man bald das sechste lesen. Neue Geschichten zu suchen, etwas zu erleben, worüber sie schreiben kann – das ist ein großer Teil von Bibis Arbeit. Denn ihre Bücher beruhen immer auf wahren Begebenheiten. Manchmal reist sie in ferne Länder und besucht zum Beispiel einen Eselhof in Griechenland. Oft kommen ihr aber auch zu Hause Ideen. Manchmal geschieht sogar etwas direkt vor ihrer Haustür in Amsterdam, und Bibi weiß: Das ist eine neue Geschichte.

Einmal fand sie dort eine verletzte Taube. Was kann ich nur für den armen Vogel tun, fragte sie sich – und rief die Tierambulanz. Solche Vereine, die Tieren in Not beistehen, gibt es in den Niederlanden in jeder Stadt. Und als die Schriftstellerin sah, was die Helfer für die taube taten, beschloss sie, als Freiwillige bei der Tierambulanz mitzumachen.

Sie lernte Erste Hilfe für Tiere und arbeitet heute einmal pro Woche mit. Dann fährt sie Katzen, die aus dem Fenster gestürzt sind, zu einem Tierarzt. Sie kümmert sich um Enten, die krank im Kanal treiben, oder um Schwäne, die auf der Autobahn umherirren. Sie säubert überfahrene Hunde und erzählt den Besitzern, was passiert ist. "Ich kann da richtig anpacken, den Tieren helfen – und oft vor allem den Menschen", erzählt sie. "Das macht mich sehr zufrieden."

Ein bisschen ist Bibi nun das, was sie als Mädchen so gern werden wollte: keine richtige Tierärztin zwar, aber jemand, der Tieren hilft. Und zugleich findet Bibi bei der Arbeit jede Menge Geschichten zum Aufschreiben. Über ihre Erlebnisse bei der Ambulanz sind auf Niederländisch bereits zwei Bücher erschienen.

Bibi Dumon Tak liebt Tiere. Das ist zweifelsohne richtig, und das spürt man auch in den Geschichten, die sie schreibt. Doch ihr geht es noch um mehr. "Ich habe schon immer extrem stark gefühlt, dass Tiere genauso viel wert sind wie wir Menschen", erzählt sie. "Und es hat mich sehr gewundert, dass das nicht alle Menschen so empfinden. Das wundert mich heute noch." Viele, sagt Bibi, fänden es ganz normal, dass Menschen über das Leben von Tieren bestimmen. Und über deren Tod. Bibi sieht das anders. "Haben wir das Recht, ein Tier zu töten?", fragt sie. Und antwortet für sich selbst klar mit: Nein. Deswegen isst sie kein Fleisch und setzt sich für die Tierpartei ein.

Wie behandeln wir andere Lebewesen? Haben Menschen mehr Rechte als Tiere? In ihren Büchern tauchen solche Fragen schon auf, aber sie bleiben eher im Hintergrund. Die große Achtung, die Bibi vor jedem noch so winzigen oder gewöhnlichen Tier hat, blitzt eher zwischen den Sätzen durch. Zum Beispiel wenn sie von Kakerlaken erzählt. Viele denken bei diesen Viechern ja einfach nur: Igitt! Bibi aber berichtet, dass die Krabbeltiere vier Wochen ohne Futter überleben können – und zwei Wochen ohne Kopf! Und das beeindruckt dann selbst den größten Kakerlakenhasser, der die Tiere künftig vermutlich nicht mehr nur widerlich finden wird.

Wenn Bibi solche Geschichten schreibt, lümmeln übrigens immer zwei Hunde im Körbchen neben ihrem Schreibtisch herum. Die Autorin hat sie aus einem spanischen Tierheim geholt. Auch eine Kuh hat sie einmal vor dem Schlachthof gerettet. "Am liebsten", sagt Bibi, "würde ich auf einem Bauernhof leben, mit zehn Hunden und mit Pferden und Hühnern." Doch dann hätte sie keine Zeit zum Bücherschreiben. Und das wäre jammerschade.