Lieber Bono,

Du hast U2 zu einer Band gemacht, die wie wenige andere die Menschen entzweit. Entweder Ihr werdet vergöttert, oder man wünscht Euch zur Hölle.

Ich habe Dir bis vergangene Woche zugejubelt. Wer Dich live hört, bekommt ein Gefühl dafür, warum Du nicht mehr Paul Hewson heißt, sondern einfach nur Bono Vox, was aus dem Lateinischen kommt und "gute Stimme" heißt. Die Wucht Deiner Stimme hat mich umgehauen. Ich habe Dich gefeiert und Dir viel verziehen. Bis jetzt. Jetzt bist Du zu weit gegangen.

Die Tatsache, dass Dein Geld auch in Briefkastenfirmen steckt, macht aus Dir nämlich genau jenen verantwortungslosen Kapitalisten, den Du sonst mit solch gerechtem Zorn verurteilst. Es zeigt, dass alles eine Masche ist: Wo immer Du in Deiner Lederjacke auftrittst, machst Du Dich gemein mit den Menschen, die Dir zujubeln.

Ich habe zweimal ein U2-Konzert in Berlin erlebt, zuletzt in diesem Sommer. Beim ersten Mal, 2005, hast Du für den Schuldenerlass armer Länder geworben. In diesem Jahr singst Du eine Hymne an Frauen: "Baby, baby, baby, light my way". Hinter Dir werden Gesichter auf den gigantischen Bühnenbildschirmen gezeigt. Von der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft über Marie Curie bis hin zur Sängerin Rosetta Tharpe. Je nach Stadt wurden auch neue Frauen hineinmontiert. In Berlin tauchten plötzlich Herta Müller, Anne Frank, Angela Merkel, Sophie Scholl und die Trümmerfrauen auf.

Du weißt, wie Du Dich und Deine Band an den Orten dieser Welt inszenierst. Und so, wie Du mit Deiner Playlist auf Konzerten jonglierst und ein Singin’ in the Rain trällerst, wenn über Berlin die Schleusen aufgehen, so setzt Du Dich mit Deiner NGO One immer gerade für das Thema ein, das die Weltöffentlichkeit umtreibt.

Denn Du bist eben nicht nur Rockmusiker, sondern vor allem Aktivist.

2014 veröffentlichte One eine Studie. Darin beschreibt die Organisation, wie Entwicklungsländern Jahr für Jahr eine Billion US-Dollar entzogen wird, weil dubiose Firmen und Investoren die Länder systematisch ausbeuten.

Vergangene Woche kam nun heraus, dass Du selbst Teil des dubiosen Systems bist: Ein Teil Deines Vermögens wurde über eine Briefkastenfirma auf Malta und Guernsey verwaltet. Deine Reaktion ist noch peinlicher als das Investment: "Höchst verzweifelt" seist Du, wenn die Vorwürfe tatsächlich zuträfen. Dabei hat Dein Handeln System. Deine Investition in Facebook hat Dich zum hundertfachen Millionär gemacht, vermutlich bist Du reicher als Paul McCartney. Du hättest nun Dein Vermögen wie Bill Gates in eine Stiftung einbringen und weiter über die Ungerechtigkeit in der Welt philosophieren können. Aber Dein Geld reichte Dir noch nicht.

Als Irland 2006 beschloss, Lizenzgebühren zu besteuern, die Künstler einnehmen, hast Du mit U2 das Weite gesucht und Dich in Holland niedergelassen. Dort sind Einnahmen aus dem Verkauf von T-Shirts und Euren Songs fast steuerfrei. Das Steuergeld fehlt jetzt den Iren. Für Krankenhäuser, Bildung und für die von Dir angemahnte Entwicklungshilfe. Auf den Widerspruch hingewiesen, hattest Du damals eine einfache Erklärung: Nur weil Du ein Philanthrop und ein Aktivist seist, dächten die Leute, Du seist auch "ein dummer Geschäftsmann". Du siehst Dich offenbar eher als einen globalen Investor, weit weg von Irland.

Das klang ganz anders, als Du 2001 vor 80.000 Fans in Slane Castle bei Dublin aufgetreten bist und Deine Band vorgestellt hast. Im Song Out of Control erzählst Du eine Geschichte, die wie Deine Geschichte klingen soll. Von Deinem Vater wolltest Du Dir 500 Pfund borgen und nach London fahren, um dort einen Plattenvertrag zu machen. "Aber wir bleiben nicht in London, wir gehen auch nicht nach New York, wir bleiben hier und lassen uns hier in Dublin nieder. Denn diese Leute – das ist unser Stamm", schriest Du der jubelnden Masse entgegen. Immer wieder hast Du Dich später zu Deinen irischen Wurzeln bekannt.

Lieber Bono, wenn das Eure Leute sind und Ihr Euch so wohlfühlt in Eurer Heimat, warum zum Teufel zahlt Ihr dann dort nicht Eure Steuern? Meine Erklärung ist ganz einfach: Du bist ein Heuchler.

Dein Claas Tatje