Eigentlich haben die SPD-Ministerin Katarina Barley und Gisela Stuart von der Labour-Partei viel gemeinsam: Beide stammen aus Deutschland und haben eine enge Beziehung zu Großbritannien. Doch während Stuart der Leave-Kampagne 2016 zum Sieg verholfen hat, hält Barley den Brexit für einen fatalen Fehler. Die ZEIT hat die beiden für ein Streitgespräch zusammengebracht. Die Begrüßung im Arbeitsministerium in Berlin ist trotz der politischen Differenzen herzlich. Sollen sie Englisch oder Deutsch miteinander sprechen? Sie einigen sich auf "Suppendeutsch" – wenn Stuart eine Formulierung nicht einfällt, wechselt sie einfach ins Englische. Obwohl sie sich zum ersten Mal treffen, duzen die beiden Sozialdemokratinnen einander. Sie setzen sich an den großen Konferenztisch in Barleys Büro.

Katarina Barley: Ich muss gestehen, dass Kaffeetrinker bei mir diskriminiert werden. Ich trinke immer Tee. Du auch?

Gisela Stuart: Für mich bitte Kaffee. Ich bin kein großer Fan von Tee – bis heute verstehe ich nicht, warum die Engländer immer Milch hineintun müssen.

DIE ZEIT: Frau Stuart, Sie sind 1974 aus Bayern nach Manchester gezogen. Großbritannien galt damals als der kranke Mann Europas – wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Stuart: Als ich nach Manchester kam, hatte die Regierung gerade die Dreitagewoche eingeführt, weil es nicht genug Elektrizität gab. Die Bergarbeiter streikten. Im Gegensatz dazu befand sich Deutschland im wirtschaftlichen Aufschwung. Ein Jahr davor war Großbritannien der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beigetreten – die Briten wollten wie die Deutschen sein.

ZEIT: Klingt nicht so, als sei Großbritannien damals ein sehr attraktiver Ort gewesen.

Stuart: Für junge Leute schon! Ich war 18 und hatte in Niederbayern eine Lehre als Buchhändlerin abgeschlossen. Großbritannien war das Land der Beatles, man sprach Englisch und trug Miniröcke. Für mich war das die Zukunft! Meine Eltern dachten, ich komme nach drei Monaten wieder zurück. Aber aus den drei Monaten wurden 43 Jahre mit einem kurzen Abstecher nach Holland.

ZEIT: Frau Barley, Sie kommen aus einer binationalen Familie, Ihr Vater ist Brite. Was sind Ihre ersten Erinnerungen an das Land?

Barley: Als Kind war ich oft bei meinen Großeltern, die in Lincolnshire in Mittelengland eine Farm mit karger Ausstattung hatten. Sie führten ein sehr einfaches Leben. Ich erinnere mich an die verrückte Währung. Als Kind habe ich nicht verstanden, warum sie so komische Formen und Einheiten hatten ...

Stuart: ... Sixpence und Schilling, nicht wahr?

Barley: Es gab diese Süßigkeiten – Curly Wurlys, gibt’s die noch?

Stuart: Ja, die gibt es noch!

Barley: Die kosteten einen Sixpence, glaube ich!

ZEIT: Sind Ihnen damals kulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Briten aufgefallen?

Stuart: Ich ging einmal in einen Pub und wollte als gute Bayerin ein Pint Bier bestellen. Der Barkeeper sah mich ganz entsetzt an und sagte: "Ladys nehmen nur ein halbes Pint!" Also antwortete ich: "Dann nehme ich zwei Halbe!" Am Anfang hat mich sehr gewundert, dass in England jeder ein Haus kaufen will. Alle redeten von Hypotheken und Zinsen. Ich fragte mich: Warum mieten die nicht?

Barley: Und die Häuser sehen alle gleich aus! Alle haben einen Erker vorne! Meine Tante war Lehrerin in Leeds und nahm mich manchmal in die Schule mit. Ich erinnere mich noch gut an die Schuluniformen, weil ich das mit einer anderen Form von Disziplin verbunden habe. In Köln, wo ich 1974 eingeschult wurde, war das viel liberaler.

ZEIT: Frau Stuart, fühlten Sie sich als Deutsche in Großbritannien willkommen?

Stuart: Es war schwierig. In Manchester arbeitete ich in einer Universitätsbuchhandlung, die einem jüdischen Mann namens Ernst Hochland gehörte. Einer seiner Kunden war ein Psychiater, der bei uns immer Bücher kaufte, doch wir hatten noch nie miteinander gesprochen. Am Valentinstag kam er mit einem riesigen Blumenstrauß und einer Schachtel Pralinen ins Geschäft und gab sie mir. Er sagte: "Meine ganze Familie ist in Auschwitz umgekommen, und ich habe mir geschworen, dass ich für den Rest meines Lebens nie mit einem Deutschen sprechen werde." Er war gekommen, um sich bei mir zu entschuldigen.

ZEIT: Als Sie 1997 für das britische Unterhaus kandidierten, lautete die Wahlkampfparole Ihres konservativen Gegners: "Keep it British". Der Wahlkreis sollte nicht in die Hände einer deutschen Einwanderin fallen.

Stuart: In Großbritannien wird man direkt gewählt, mein Wahlkreis in Birmingham-Edgbaston hat 1939 Neville Chamberlain (der als Premierminister das Münchner Abkommen mit Hitler unterzeichnet hatte, d. Red.) gehört. Im Wahlkampf habe ich eine Wählerin gefragt, warum sie letztes Mal Tories gewählt hatte und nun für mich stimmen würde. Sie antwortete: "Meinem Mann und mir sind Law and Order sehr wichtig. Kein Deutscher würde diesen Unsinn, der hier passiert, durchgehen lassen." (lacht) Für mich war es der Beweis, dass sich die Welt ändern kann. Und dass sie sich zum Guten ändern kann.