DIE ZEIT: Frau Kebekus, nach allem, was man derzeit liest, bekommt man den Eindruck, fast jede Frau werde sexuell belästigt. Ist das so?

Carolin Kebekus: Ich glaube, ja. Und ich finde, ehrlich gesagt, die Überraschung darüber überraschend. Natürlich bin ich schon auf Partys begrabscht worden. Aber wenn ich das öffentlich sage, heißt es plötzlich: Huch! Im Netz schreiben sie dann: "Jetzt kommen sie alle aus den Löchern. Jetzt will die Kebekus auch noch was vom Kuchen ab." Da denke ich: Ja, das ist ja eine so tolle Sache, sexuell belästigt worden zu sein. Da will ich auch ein Stück ab vom Kuchen. Geil fand ich auch: "Jaja, als ob dich jemand begrabschen würde. Das ist Wunschdenken." Es ist erstaunlich, wie sehr mir bei solch normalen Erlebnissen nicht geglaubt wird.

ZEIT: Sind die Kommentare denn ernst gemeint?

Kebekus: Das ist die Frage. Niemand würde mir das ja auf der Straße ins Gesicht sagen. Andererseits kenne ich das auch, dass man Vorfälle nicht glauben kann. Das ging mir bei dem amerikanischen Komiker Louis C.K. so. Ich hab ihn mir letztes Jahr in Amsterdam angeguckt, und eine Kollegin erzählte mir damals schon, dass er vor Frauen masturbiert haben soll.

ZEIT: Wie haben Sie darauf reagiert?

Kebekus: Ich dachte: "Nein, auf keinen Fall, das kann nicht sein!" Louis C.K. war für mich ein Gott, und wenn er mich gefragt hätte: "Hello Miss Carolin, do you want to play on the stage in front of my audience?", ich hätte es sofort gemacht. Wenn er dann vorher in meine Garderobe gekommen wäre und gesagt hätte: "I am going to masturbate now", ich weiß nicht, was ich getan hätte. Ob ich mich getraut hätte, etwas zu sagen, keine Ahnung.

ZEIT: Vielleicht nicht öffentlich, aber doch in der Situation, oder?

Kebekus: Ich wäre total schockiert gewesen und hätte den Raum verlassen, aber wahrscheinlich hätte ich hinterher keine Welle gemacht. Ich hätte Angst gehabt, dass mir keiner glaubt. "Jaja, Louis C.K. hat vor dir masturbiert, das hättest du wohl gerne." Oder ich hätte darüber nachgedacht, ob ich irgendetwas gemacht hätte, um das zu provozieren. Habe ich einen Schwanzwitz zu viel gemacht? Solche Gedanken sind typisch. Deshalb wurde bislang so wenig öffentlich geredet über solche Vorfälle.

ZEIT: Aber jetzt reden alle. Dabei geht vieles durcheinander: Vergewaltigung, sexuelle Belästigung, dumme Sprüche in der Kantine. Stört Sie das?

Kebekus: Nein. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ein mächtiger Typ dir ein schmieriges Kompliment macht oder ob er dich vergewaltigt. Das muss man auseinanderhalten. Aber es fängt im Kleinen an. Und es ist wichtig zu sagen, dass manche Dinge im Job grenzüberschreitend sind. Man wird dadurch abgewertet.

ZEIT: Sexismus als Machtdemonstration.

Kebekus: Ja, wenn der Chef Schätzchen sagt, ist das kein Flirt. Das ist ein Mittel, um zu sagen: Ich großer Macker, du kleines Mäuschen.

ZEIT: In Situationen, in denen der andere Macht über einen hat, zum Beispiel Macht über die eigene Karriere, führen schon Kleinigkeiten dazu, dass Betroffene sich schlecht fühlen.

Kebekus: Man kann ja auch kaum etwas machen.

ZEIT: Jeder kann sich beschweren, oder?

Kebekus: Dann mach das mal. Sei mal die, die anklagt. Wenn du etwas sagst, dann hört er vielleicht auf damit. Aber niemand verliert seinen Führungsposten, weil er zweimal einer Mitarbeiterin ans Knie fasst. Und am Ende bist womöglich du diejenige, die in der Firma nicht mehr weiterkommt.