An Österreich kann man derzeit einen allzu menschlichen, immer wiederkehrenden Sachverhalt neu studieren: Alles ist Streit, alle sind aufgeregt, alles wird anders werden, einige sind cool, einige greifen nach der Macht, anderen wird die Macht aus der Hand geschlagen, manche drohen, manche geben auf und treten zurück und treten vielleicht doch nicht zurück, treten vom Rücktritt zurück und kündigen an, dass sie vielleicht doch bleiben. Es herrscht eine Stimmung wie in Canettis Roman Die Blendung – gerade auch politisch: Denn der Roman handelt nicht zuletzt von der christlich-sozialen Diktatur in den dreißiger Jahren, vom "Austrofaschismus". Wenn man parteiisch ist (wie ich es bin), wird man heute Analogien zur damaligen Zeit entdecken.

In Canettis Roman spielt auch die chinesische Philosophie eine Rolle. Zwar hilft sie dort nicht, "die Wirklichkeit" (also die allgemeine Verblendung) zu begreifen. Aber man kann verstehen, dass im Durcheinander die Sehnsucht nach (chinesischer) Weisheit entsteht: "Die Menschen gehen schon seit Zeiten irr. / Darum bringt der Weise zusammen und trennt nicht, / achtsam, nicht nonchalant, / stetig, nicht launenhaft, / er leuchtet und blendet nicht."

Auf diesen Weisen braucht man nicht zu warten; in Zeiten wie diesen muss jeder selbst ein Weiser werden. Bis es so weit ist, kann man sich mit der einschlägigen Lektüre von Laozis Daodejing in der Übertragung von Jan Philipp Reemtsma behelfen. Darin gibt es einen schönen Kunstgriff, der in Reemtsmas Nachwort aufgeklärt wird. Die geläufige Fassung des letzten Daodejing-Kapitels lautet: "Wahre Worte sind nicht schön, / schöne Worte sind nicht wahr. / Der Gute redekünstelt nicht." Reemtsma hat nun die ersten beiden Zeilen belassen, dann aber geht es in seiner Fassung so weiter: "Überzeugen ist unfruchtbar, / fruchtbare Worte überzeugen nicht."

Wie wahr, aber nicht von Laozi (genannt auch Laotse, dessen Werk ebenso als Tao Te King im Umlauf ist). "Überzeugen ist unfruchtbar" stammt aus Walter Benjamins Einbahnstraße von 1928 – und passt in unser Leben wie sonst nur eine chinesische Weisheit. Die Weisheit, lernt man, ist gerade dadurch eine, dass sie sich entzieht: "Der Weg, kannst du ihn weisen, ist nicht der ewige Weg. / Die Weisheit, kannst du sie benennen, / ist nicht die immerwährende Weisheit."

Ich tippe darauf, dass die Weisheit der Weg ist, der aber erst im Gehen entsteht. Man muss wandeln, auf dem Pfad der Tugend, nicht reden. Dabei geht man stets auch ins Dunkle, aber als Weiser leuchtet man wenigstens und kommt um alle Dialektik herum: "Der Weg des Himmels: / nützen ohne schaden. / Der Weg des Weisen: / wirken ohne streiten."

Laozi: Daodejing. Eine Übertragung von Jan Philipp Reemtsma; C. H. Beck textura Verlag, München 2017; 125 S., 14,95 €