Was hatte der Professor getan? Er hatte in seiner Sprechstunde, wie die Studentin beklagte, nicht nur Tee getrunken, sondern in der Tasse fortwährend mit dem Löffel gerührt – "eindeutig ein phallisches Symbol, das in einem vaginalen Gefäß bewegt wurde". Es half dem Professor wenig, dass er sich auf den Umstand herausredete, den Tee mit Milch zu trinken, diese Milch aber in den Tee hineingerührt werden müsse. Allein schon die Verwendung von Milch in Gegenwart einer Studierenden könne als demonstrative Anspielung auf deren Weiblichkeit verstanden werden. Im Übrigen habe er mehr als nötig gerührt. Der Professor gab dies zu, erläuterte aber bei seiner Anhörung, dass er nervös gewesen sei, dass ihn die Studentin und überhaupt alle Studenten nervös machten. Die Reaktion im Internet war entsprechend höhnisch. "Nennt man das jetzt nervös?", fragte panzer09, und feld_haubitze erklärte, dass Nervosität nur die "neue Tarnadresse der alten Geilheit" sei. Der Professor konnte seinen Ruf auch nicht damit retten, dass er Tee nur mehr außerhalb seines Zimmers, ohne Milch und abkühlendes Rühren trank und sich dabei die Lippen verbrannte. "Er zischt und schmatzt und schlürft immer so komisch, sobald eine Studierende ihm auf dem Gang begegnet." Wenn das Schicksal dieses Professors nicht erfunden wäre, könnte es sich ohne Frage an der Geschichtsfakultät der Universität Oxford ereignet haben, wo die Rücksichtnahme auf den weiblichen Seelenhaushalt neuerdings sogar die Prüfungsbedingungen ermäßigt hat. Der Althistoriker Robin Lane Fox berichtet, dass er dort in keiner Vorlesung auf die wenig emanzipierte Lage der Frauen in der Antike kommen dürfe, ohne vorher eine Triggerwarnung auszusprechen. Warum wir dies erzählen? Keinesfalls um die aktuelle "Me too"-Debatte mit einer reaktionären Pointe zu denunzieren, sondern nur um Werbung für die Fernuniversität Hagen zu machen. Früher hat sich uns ihr Sinn nicht erschlossen; wir dachten, dass es allenfalls darum gehe, das deplorable Stadtbild dem Blick der Studierenden zu entziehen. Jetzt wissen wir es besser. Den Fernuniversitäten gehört zweifellos die Stunde, insofern sie auch die Dozenten dem Blick entziehen. Schon morgen könnte das allerdings vergebens sein, nämlich wenn die Mutmaßung reichte, dass auch die Fernlehrbriefe unter vermehrtem, von nervösen Fantasien beflügeltem Rühren und Stochern in einem Thema entstanden seien.

FINIS

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