"Schmerz in der Brust, Sturm in den Augen, warum leiden alle Menschen in der Stadt?" Dem Oppositionspolitiker Rahul Gandhi fiel zur giftigen Glocke über Delhi diese lyrische Zeile aus einem Bollywoodfilm ein. Für Delhis Regierungschef Arvind Kejriwal ist die smoggepeinigte Hauptstadt Indiens derzeit sogar eine "Gaskammer". Eine Mischung aus Abgasen, Staub- und Rauchpartikeln nimmt der Bevölkerung den Atem – in diesem Winter noch beißender als sonst. Patienten mit Asthma oder Bronchitis drängen sich in den Notaufnahmen. Der Markt für Luftfilter und Schutzmasken boomt. Außer bei den Armen, die in Slumbaracken auf Auspuffhöhe leben.

Die apokalyptischen Bilder aus Delhi haben mit unserer eigenen Gegenwart nur scheinbar nichts zu tun. Tatsächlich ist der Smog mehr als ein wiederkehrendes Trauerspiel. Er steht für ein falsches, global standardisiertes Entwicklungsmodell.

Gewiss, allem voran sind indische Politiker verantwortlich. Erst jetzt erteilte ein Gericht Auflagen für das Verbrennen von dreckigem Petrolkoks. Täglich donnern 50.000 Lkw durch die Stadt. Bei Smoggefahr wären Baustopps nötig. Warnsysteme fehlen. Im Nachbarstaat Punjab bräuchten Bauern Anreize, ihr Reisstroh zu nutzen. Stattdessen ziehen von ihren Feldern Rauchfahnen in die Hauptstadt.

Während die Verantwortlichen sich gegenseitig die Schuld zuweisen, erteilt der indische Smog der ganzen Welt eine Lektion. Nämlich die, dass allein kurzfristige Maßnahmen nicht mehr reichen. Schon vor 16 Jahren spottete ein Plakat des indischen Centre for Science and Environment (CSE): "Rollen Sie die Scheiben Ihres kugelsicheren Fahrzeugs herunter, Herr Premierminister. Nicht Gewehre sind die größte Sicherheitsgefahr in Delhi – die liegt in der Luft." Schadstoffobergrenzen wurden eingeführt, und der öffentliche Verkehr wurde auf Erdgas umgestellt. Delhi konnte durchatmen, aber nur kurz.

Denn seither hat sich die Zahl der privaten Autos mehr als verdoppelt, auch dank deutscher Dieselfahrzeuge. Wie im Westen, so überall auf Erden: Der Fetisch der individuellen Mobilität erweist sich als ökologisch untragbar, so wie viele andere Konsumansprüche auch. In Delhi machen der Nebel und die Windstille nun krasser als anderswo sichtbar, dass solch ein Lebensstil auf Dauer nicht funktionieren wird, am wenigsten in Megacitys. Auch das zeigt der Smog: Ein rasant wachsender Moloch von fast 20 Millionen Einwohnern ist kaum mehr steuerbar. Die weltweite Landflucht (Forscher nennen sie "Umzug der Menschheit") muss in kleinere Zentren umgelenkt werden.

Viele Lösungen sind ja schon bekannt: Vorrang für öffentlichen Verkehr und dezentrale Regenerativenergie oder eine angepasste Landwirtschaft. Es sind nicht zufällig die gleichen, die auch die Erderwärmung mindern könnten. Sunita Narain, die Leiterin des CSE, hat den Klimawandel "die Summe aller Fehler" genannt. Diese Fehler schaden den Menschen zuerst unmittelbar und dann noch einmal global. Wer sinnvolle Entwicklungsmodelle anstrebt, muss daher Stadtplanung, Mobilität, Gesundheit und Nahrungsversorgung radikal zusammendenken – in Indien so wie hierzulande und weltweit in der Entwicklungspolitik.