Über die Nazizeit lassen sich Opfer- und Heldengeschichten erzählen, Geschichten von Verfolgung und Widerstand. Für junge Leser gibt es sie in Fülle. Seltener wagen es Autoren, sich dem Nationalsozialismus aus der Perspektive der Wegschauer, Mitmacher, Mordgehilfen und Mörder zu nähern. Der irische Bestseller-Autor John Boyne (Der Junge im gestreiften Pyjama) hat es nun versucht. Der Junge auf dem Berg heißt sein Roman, und er trägt diesen märchenhaften Titel zu Recht: Boyne erzählt von einem, der auszieht und andere das Fürchten lehrt. Der Schauplatz ist ein geradezu mythischer Ort der NS-Diktatur: der Obersalzberg, wo der Berghof liegt, Hitlers Sommerresidenz.

Die Handlung setzt im Sommer 1936 ein. Pierrot Weber, Held und Antiheld des Romans, ist sieben Jahre alt und wächst in Paris auf. Sein bester Freund kommt aus einer jüdischen Familie, die Mutter ist Französin, der Vater Deutscher – ein "Kriegszitterer", der den Schützengraben-Horror des Ersten Weltkriegs nicht verwunden hat und sich mit Alkohol und nationalem Pathos über das Trauma der Niederlage hinwegtröstet. Boyne umreißt diese Welt mit schnellen Strichen. Dann lässt er Pierrots Mutter an Tuberkulose sterben und seinen Vater Suizid begehen. Pierrot kommt in ein Waisenhaus – bis sich die Schwester seines Vaters meldet, eine Frau, die der Junge nur aus bruchstückhaften Erzählungen kennt und die als Bedienstete auf dem Berghof arbeitet, wo Pierrot in den Bannkreis des "Führers" gerät.

Geschickt baut Boyne seinen kleinen, zarten Pierrot, einen nicht allzu hellen, aber empathiebegabten Jungen, zur Identifikationsfigur auf. Wie hätte ich mich an seiner Stelle verhalten? So sollen die jungen Leser sich fragen, während der Autor sie mit Pierrot auf die "falsche Seite" geraten lässt.

Leider können Boynes erzählerische Fähigkeiten nicht annähernd mit seiner Lust am Konstruieren Schritt halten. Der Junge auf dem Berg wirkt wie ein Gemälde, durch das allenthalben die Linien der Vorskizze blitzen. Denn sosehr Boyne ein Einzelschicksal schildert, so erpicht ist er darauf, Exemplarisches zu bieten. Sein Pierrot wird dadurch zu einer recht fadenscheinigen Figur – auf der einen Seite tragischer Romanheld, auf der anderen bloßes Vehikel, um die Leser mit Botschaften zu beliefern. Enden wird dieser Pierrot, man ahnt es, als trauriger Horrorclown.

Überhaupt ahnt man viel auf diesen gut 300 Seiten: In jedem Kapitel bereitet Boyne den Knalleffekt des nächsten vor. So baut er, fast lehrbuchhaft, Spannung auf. Um zu zeigen, wie ein Mensch politisch verführt wird, taugt dies jedoch nur bedingt. Statt die überaus verblüffende Wandlung Pierrots in einen vor Geltungssucht blinden Hitlerjungen zu ergründen, setzt Boyne denn auch ganz auf die handlungsgetriebene Mechanik seines Plots. Den Wendepunkt bildet eine Szene, in der sich Pierrot in einem moralischen Dilemma wiederfindet. Zufällig erfährt er von einem geplanten Anschlag auf den "Führer" und vereitelt ihn aus einem Impuls heraus. Dass er dadurch einen tödlichen Verrat begeht, wird ihm erst bewusst, als er aus dem Fenster dem Exekutionskommando zusieht, das die Drahtzieher hinrichtet. Von da an folgt Pierrot einem Automatismus, der kein Abweichen mehr duldet. Denn dazu müsste er sich mit der Schuld konfrontieren, die er auf sich geladen hat.

Was aber hat ihn überhaupt in die Nähe Hitlers gezogen? Da sind die Sätze von Pierrots totem Vater über deutschen Stolz und deutsche Größe, die er aus Hitlers Mund wieder hört – der "Führer" als Vaterersatz. Da ist die Geschichte wiederkehrender Gängelungen, die der klein gewachsene Pierrot über sich ergehen lassen muss – im Braunhemd darf er sich groß und wichtig fühlen. Aber hätte er das nicht auch aufseiten der Widerstandskämpfer gekonnt, die auf Boynes fiktivem Obersalzberg seinen Weg kreuzen? Warum entscheidet er sich für die eine und nicht die andere Seite? Boyne hat darauf keine Antwort. Und so erfährt der Leser kaum etwas von Pierrots innerem Ringen. Gibt es womöglich gar keines? Legt Hitler in ihm einfach einen Schalter um?

"Wenn das Pierrot passieren kann, dann kann es auch uns passieren", wird der Kritiker einer irischen Tageszeitung auf dem Umschlag zitiert. Was als Lob gemeint ist, offenbart die größte Schwäche des Romans. Denn man wird den Verdacht nicht los, dass der Autor seinen Pierrot nur erschaffen hat, um etwas an ihm zu beweisen. Dass aus diesem schmächtigen Jungen, der jegliche Gewalt ablehnt, ein so erbärmliches, herrisches Übermenschlein wird, wirkt einfach zu forciert, um glaubhaft zu sein. Der Preis dafür ist nicht nur eine schwache Romanfigur, sondern auch, dass Boynes Berghof-Hitler eine so übermächtige wie opake Erscheinung bleibt. Boyne will den Prozess einer Verführung offenlegen – und landet am Ende beim alten "Führer"-Mythos.

So ist mit der Allerweltserkenntnis "Keiner war gefeit" wenig gewonnen. Zumal es manche durchaus waren und einige Mutige sich auflehnten. Warum? Alles nur Zufall? Vielleicht auch das. Boyne legt hier durchaus interessante Fährten: Er führt den Nationalsozialismus als ein System vor, das Karrieren ermöglicht. Er deutet an, wie wichtig familiäre Prägungen sind, und zeigt die Zwänge, die aus einmal gefällten Entscheidungen erwachsen. Zu einem guten Roman jedoch wird Der Junge auf dem Berg dadurch nicht. Dafür liegen die Antworten, die er gibt, allzu nackt auf dem Reißbrett der Erzählung.

John Boyne: Der Junge auf dem Berg.
Aus dem Englischen von Ilse Layer; Fischer Verlage 2017; 304 S., 16,99 €; ab 12 Jahren