Ein Mann in einer Mansarde, ein armer Mieter in Paris: Georg. Als er wie durch einen Gnadenakt einziehen darf, weiß er, dass die Frau, die bis vor Kurzem hier lebte, sich aus dem Fenster und durch ein Glasdach gestürzt hat: Johanna. Was der Mann bald merkt, ist, dass die anderen im Haus latent etwas gegen ihn haben. Er sei zu laut, heißt es, selbst in Filzpantoffeln. Georg wird gemobbt, und überhaupt kehrt sich die Welt gegen ihn. Wenn er im Lokal einen Kaffee ordert, bekommt er einen Kakao, die gewohnheitsmäßige Bestellung der Vormieterin. Schnell jedenfalls ist der Mann nicht mehr bei sich. Langsam wird er eine andere, nämlich genau diese Frau. Endlich stürzt auch er – als sie und in ihrem Kleid – aus dem Fenster. Ist das ein Opernstoff?

Roman Polanski hat nach dem schwarzen Roman La locataire chimérique von Roland Topor (1964) zwölf Jahre später einen Film gedreht, The Tenant, nicht zufällig mit sich selbst in der Hauptrolle. Verhandelt wurden auch und vor allem Aspekte eines jüdischen Schicksals. Davon schimmert in der neuen Zwei-Stunden-Oper Der Mieter des Heidelberger Komponisten Arnulf Herrmann, 1968 geboren, bei der Uraufführung in der Frankfurter Oper nur noch von fern etwas durch, es ist ein Verfolgungsmotiv unter vielen. Herrmann hat lediglich die Grundkonstellation von Topor/Polanski übernommen. Den Text lässt er sozusagen überschreiben – und zwar vom österreichischen Bachmann-Preisträger Händl Klaus, zuletzt steter und stetig überraschender Librettist von Georg Friedrich Haas – bis hin zu dessen Schwetzinger Meisterstück Koma, einer Oper im vollends Dunkeln. Händl Klaus buchstabiert nichts von Topors Prosa nach. Er sucht vielmehr nach neuen Wortgeistern. Bereits der Text allein ist eine Gespenstersonate, in der das Material so lange verkürzt wird, bis einsilbig und repetitiv nur noch das Wichtigste übrig bleibt: "du: ich: ich: du:", singen Georg und Johanna (sirenenhaft selbstverständlich: Anja Petersen). Das ist dann, im Prozess der Anverwandlung des einen durch den anderen, schon ein bisschen wie bei Richard Wagner im zweiten Aufzug von Tristan und Isolde.

Was musikalisch mit einem dumpfen Orchestertutti in Frankfurt beginnt (Georgs musikalisch vorweggenommener Sturz aus dem Fenster), geht nach diesem Schlag sofort über in einen intensiven mikrotonalen Prozess, dessen Handhabung Arnulf Herrmann seit den Tagen seines Musiktheaterwerks Wasser (2012 uraufgeführt bei der Münchner Biennale) vervollkommnet hat. Im Mieter geht er jedem akustischen Detail nach, das die Paranoia von Georg (Björn Bürger, ein vokaler Alpinist zwischen Bariton und Falsett) steigert: Wasserhähne tropfen, Wände knacken, Glas zersplittert musikalisch in Zeitlupe. Diese vom zunächst stark bläserlastigen und perkussiv geprägten Ensemble produzierten Klänge wiederum werden mikrotonal zersplittert und mit Live-Elektronik angereichert und verblendet.

Je mehr der Charakter von Georg im Stück dissoziiert, desto gewaltiger schwillt der orchestrale Strom an, bis am Schluss gewissermaßen eine fast klassische Oratoriumssituation erreicht ist, die Herrmann aber immer wieder umspielt. Seiner Komposition wohnt, dem Thema zum Trotz, auch oft eine finster grimassierende Komik inne. Mitunter dominiert ein Dreivierteltakt die Szene: Der Tod kommt walzernd daher (und könnte, nicht nur wegen Händl Klaus, auch ein Wiener sein). Der Dirigent des Frankfurter Museumsorchesters, Kazushi Ono, ermöglicht Herrmanns diffizile Fallstudien mit größter Souveränität.

Wie das Libretto von Händl Klaus in ständiger Absprache mit Herrmann während des Komponierens entstanden ist, hat auch der Regisseur Johannes Erath die Produktion im Werden begleitet. Dementsprechend tief geht seine Interpretation, die sich nicht darauf beschränkt, surreale Bilder nach Buñuel-, Magritte- oder Dalí-Mustern zu variieren. Analog zur Musik überreizt auch die Regie gerne die Wahrnehmung, wenn sie das Bühnenbild ins Vertikale kippt, um auch noch gegen die Gesetze der Schwerkraft anzukämpfen. Georg und sein Zimmer fallen endlich aus der Zeit, nicht jedoch aus dem Gedächtnis. Die Frankfurter Oper hat eine bezwingende Uraufführung im Repertoire.