Es gibt einen Kniff, mit dem man schlaue, aber mäßige Romane rechtfertigen kann. Das ist der Metafiktions-Trick. Man findet eine Textstelle oder gleich mehrere Passagen, die etwas über das Erzählen oder das Schreiben aussagen, und wendet diese Überlegungen auf das Buch selber an. In der Idiotin, dem zweiten Werk der amerikanischen Schriftstellerin Elif Batuman, könnte das folgender Passus sein: "Diese glattgebügelte Auflösung des Rätsels, dieses Verkuppeln und damit Auslöschen der Figuren kamen mir wie ein schrecklicher Verrat vor."

Genau das passiert in diesem Text nicht. Es werden keine Figuren verkuppelt, im Gegenteil. Selin, die Ich-Erzählerin, eine türkischstämmige Studentin, die ihr erstes Jahr in Harvard verbringt, liebt zwar den Mathematikstudenten Ivan und reist ihm nach Ungarn und Frankreich hinterher, aber Romantik, Sex? Fehlanzeige. Noch nicht einmal ein Küsschen gibt es für die beiden.

Bonmots sind die große Stärke dieser Autorin

Mit dem Metafiktions-Trick würde man sagen, das Buch stemmt sich gegen den konventionellen Roman als Paarbildungs- und Paardemontiermaschine, gegen die vielen Inspektionen von Mittelschichts-Ehen und -Liebschaften, aus denen die nordamerikanische Literatur von Cheever bis Franzen zu bestehen scheint.

Um ein Rätsel "glattgebügelt auflösen" zu können, muss man allerdings erst mal eins entwerfen. Rätsel, das heißt Dramaturgie, eine im Text angelegte moralische Agenda, der gemäß die Akteure Probleme lösen müssen oder an ihnen scheitern. Probleme gibt es viele in diesem Buch – das Sich-fremd-Fühlen in der Welt als junger Erwachsener, die Kluft zwischen Muttersprache und dem Idiom der neuen Heimat (hier Amerika), die Ansprüche einer akademischen Leistungsgesellschaft –, aber der Text bearbeitet sie nicht, er besichtigt sie nur. Glattbügeln, verstanden als erzählerisches Eingreifen: nicht die Sache von Elif Batuman.

Wenn man den Metafiktions-Trick nicht anwendet, ist Die Idiotin ein die Geduld strapazierendes, im schlechten Sinne redseliges Werk. Die Autorin, Mitarbeiterin des renommierten Magazins The New Yorker und preisgekrönte Essayistin, hat des Öfteren ihre Abneigung gegen die Schablonen der Creative-Writing-Kurse bekundet, gegen die amerikanische Schule der Plot-Herstellung, basierend auf dem Drei-Akte-System: Exposition, Krise, Auflösung. Ihrem Roman hätte ein wenig konventionelle Straffung jedoch gutgetan. Um die Orientierungslosigkeit der Heldin darzustellen, ihr Umherwandern zwischen den Ideen und Menschen, ist es nicht hilfreich, lediglich topografische (Harvard, Budapest, Paris) und intellektuelle Kulissen abzuhaken. Der zweite Teil des Buchs, immerhin 200 Seiten, liest sich wie eine Mischung aus diffusem Reisebericht und Uni-Tagebuch, geschrieben von jemandem, der nun mal die Seiten füllen muss.

Mit Bonmots allein lässt sich kein Roman herstellen. Die aber sind nun mal die große Stärke dieser Autorin. Das Aperçu. Die satirische Vignette. Die mit wenigen Strichen skizzierte Szene, in der wahlweise Milieus, Denkschulen oder Persönlichkeiten bloßgestellt werden. Um die Verschrobenheit des akademischen Betriebs, seine Prätention und seine didaktischen Schwächen vorzuführen, braucht Batuman nur einen knappen Dialog zwischen Kunstprofessor und Studentin: