Es ist einer der prägenden Momente im Leben, einer, dem wahrscheinlich kein Mädchen entgeht: wenn zum ersten Mal jemand ein Urteil über ihr Aussehen fällt. Bei Mireille sind es zwei Wörter, die sich in ihr Gedächtnis einbrennen: "fette Kuh", ausgesprochen von ihrem bis dahin besten Freund. Noch Jahre später erinnert sie sich genau an diesen Moment: "Ich bin einfach stehen geblieben, mit so weit aufgerissenen Augen, dass mir die Augäpfel ins Schädelinnere geplumpst sind, wo ich sie dann wie Billardkugeln hin und her kullern hörte, und erst drei Stunden später, nachdem die Schulschwester sie mit der Schneckenzange rausgefischt und in ihre Höhlen zurückgesteckt hatte, fand ich meine Sehkraft wieder, in einer Welt, in der ich eine fette Kuh geworden war."

"Fette Kuh" ist nur eine der Beschimpfungen, die sich die 15-jährige Mireille Laplanche aus der französischen Provinzstadt Bourg-en-Bresse anhören muss. Gegen eine Welt, die sie als dick und hässlich abstempelt, wappnet sich Mireille mit gnadenloser Übertreibung und einem selbstironischen Humor. Damit treibt sie ihre Umgebung, besonders ihre Mutter und ihren Stiefvater, zur Weißglut. Perfide, wie nur 15-Jährige argumentieren können, vergleicht sie ihre Mama mit den Kollaborateurinnen der Nazizeit – weil ihr leiblicher Vater, den sie nie kennengelernt hat, ein deutschstämmiger Philosophieprofessor ist. Oder sie legt der gut aussehenden Mutter dar, dass die ihre Tochter, also Mireille, besser abgetrieben hätte – in Anbetracht des unschönen Ergebnisses. Erst wenn Mireille mal die Worte fehlen, lässt sie Taten sprechen: Das teure Parfum, ein Geschenk ihres gutmütigen Stiefvaters, kippt sie umgehend ins Klo. Ohne zu spülen, damit der auch ganz sicher kapiert, wo seine 54 Euro für "Flower by Kenzo" gelandet sind.

Natürlich kann man hinter allen diesen Verbalattacken Mireilles Schmerz hindurchschimmern sehen, und doch will sie, die "weder in diese Welt noch in ihre Klamotten passt", sich nicht unterkriegen lassen. Als Mitschüler sie auf Facebook zur "Wurst des Jahres" wählen, kommentiert sie das mit "Gefällt mir" und tut sich mit den anderen beiden Gewinnerinnen des Hässlichkeitswettbewerbs zusammen: der Halbschwedin Astrid und der Muslimin Hakima. Gemeinsam entwickeln sie einen tollkühnen Plan: Sie rüsten einen Fahrradanhänger zur mobilen Miniküche um und radeln 460 Kilometer nach Paris, inklusive Weblog und Würstchenverkauf auf allen Etappen. So drehen sie den Spieß um – falls diese Formulierung bei Würstchen angemessen ist – und wenden ihr Schicksal.

Clementine Beauvais hat viel hineingepackt in ihre Tour-de-France-Story: Hindernisse wie Blitzschlag und Sabotage, kulinarische Exkurse und philosophische Theorien. Sie jongliert mit etlichen Nebenfiguren und Handlungssträngen. Obendrein gönnt sie ihrer Heldin eine unerfüllte, aber trotzdem beglückende Liebesgeschichte mit Hakimas großem Bruder, einem traumatisierten Afghanistankriegs-Veteranen, der im Rollstuhl sitzt und die Mädchen als Aufpasser und Beschützer begleitet.

Dass der Roman bei alldem nicht überladen wirkt, liegt an der rotzfrechen Hauptfigur. Mireille nimmt im Lauf der Geschichte die Leser für sich ein – und in der Erzählung gleich halb Frankreich. Denn der Trip der Mädchen geht viral; als "Königinnen der Würstchen" machen sie landesweit Schlagzeilen.

In einem multimedialen Pseudo-Newsticker parodiert Clementine Beauvais die mediale Erregungskurve vom ersten Hashtag bis zur Live-Schalte im Fernsehen – zum Schreien komisch und ganz ohne den düsteren Unterton, den Jugendbücher beim Thema Medien schnell bekommen. Der allgegenwärtige Hass im Netz trifft die Mädchen trotzdem: "Weil es für jede Person, die uns toll, mutig, intelligent und kämpferisch findet, eine andere gibt, die in irgendeinem sozialen Netzwerk eifrig kundtut, dass wir fette hässliche Kühe sind, Vogelscheuchen, Fotzen, Schlampen und Säue, hässlich wie die Nacht, hässlich wie ein Arsch von innen."

Doch je näher das Reiseziel rückt, desto weniger können solche Anfeindungen dem Trio anhaben. Viele Stunden sind Astrid, Hakima und Mireille unter der französischen Sonne gestrampelt, haben sich amüsiert, gestritten und einige unvergessliche Momente erlebt, hinter denen die Demütigungen ein bisschen verblassen. Und sie sind (natürlich!) Freundinnen geworden. Ihr großer Showdown am Nationalfeiertag läuft zwar komplett anders als geplant, das ist in diesem wunderbar überdrehten Roadmovie aber längst nicht mehr so wichtig wie die Erkenntnis, dass Reibung auch beim Radfahren Wärme erzeugt. Dass die Welt mehr zu bieten hat als YouTube-Filme, in denen Katzen auf Staubsauger-Robotern durch die Gegend fahren. Und dass das Leben auch mit ein paar Kilo zu viel allererste Sahne sein kann.

Clementine Beauvais: Die Königinnen der Würstchen. Aus dem Französischen von Annette von der Weppen; Carlsen Verlag 2017; 288 S., 16,99 €; ab 14 Jahren